Von Vietnam ins Waldviertel, um zu pflegen

Tao Tran ist Absolventin des ersten Pflegeassistenzlehrgangs für Vietnamesinnen und Vietnamesen in Krems. Die 33-Jährige hat dem KURIER von ihrer bisherigen Zeit in Österreich erzählt.
Eine Aufnahme von einer Chorprobe, mehrere ältere Personen sind mit Mappen beim Singen zu sehen. Im Fokus steht eine junge Frau aus Vietnam.

"Es gibt einen Billa und dann sind wir ziemlich fertig." Mit diesem beiläufigen Satz fasst Pflegedirektorin Andrea Wingelhofer das Leben in ihrem Heimatort Litschau zusammen. Keine ungewöhnliche Beobachtung im niederösterreichischen Norden, wo die Wälder dichter, die Teiche häufiger und die Menschen weniger werden.

Ganz so karg ist es in der Waldviertler Stadtgemeinde dann aber doch nicht. Litschau hat eine Stadtkapelle, einen Schießplatz, einen Fußballverein, einen Schachklub. Und Litschau hat eine Pflegeeinrichtung – was notwendig ist. Denn Litschau hat auch eine überalterte Bevölkerung. Die Stadtgemeinde bewohnen laut Zahlen der Statistik Austria doppelt so viele über 60-Jährige wie unter 30-Jährige. Das bringt gewisse Herausforderungen mit sich, macht die Region jedoch auch zum idealen Partner für ein Projekt, das seit dem Vorjahr in Niederösterreich umgesetzt wird. 

150 Vietnamesinnen und Vietnamesen sollen bis 2027 am International Nursing Center der IMC Krems zu Pflegefachkräften ausgebildet werden. Die Fortbildung wird zusammen mit der Hanoi University und der niederösterreichischen Landesgesundheitsagentur (LGA), als Praxispartnerin und spätere Arbeitgeberin, umgesetzt. Die ersten Teilnehmenden haben kürzlich ihre Ausbildung beendet und im März mit der Arbeit begonnen – drei im Pflege- und Betreuungszentrum Litschau. Thao Hoang Thanh Tran ist eine von ihnen. 

Dialektbarrieren

Die 33-Jährige sitzt Andrea Wingelhofer im Besprechungszimmer der Pflegeeinrichtung gegenüber, um von ihren bisherigen Erfahrungen mit dem Projekt zu erzählen. Wingelhofer macht den Anfang. Sie erinnert sich gut an die erste Begegnung mit Tran. Mit soliden Deutschkenntnissen und einem vollen Koffer kam sie damals als eine von fünf Praktikantinnen am Bahnhof in Gmünd an und scheiterte – am Waldviertler Dialekt. "Darauf kann man niemanden vorbereiten", so Wingelhofer.

Tran hat ihren Umgang mit der Dialektbarriere gefunden: "Ich bin immer höflich, freundlich und geduldig." Dennoch habe die Kommunikation zu Startschwierigkeiten geführt. "Weil sie so schnell sprechen, das kann ich nicht verstehen." Einige Bewohnerinnen und Bewohner hätten sich darüber geärgert, auch geschimpft. Dem begegnet sie jedoch mit Verständnis: "Viele haben Erkrankungen, Demenz." Im Laufe der Zeit wurde das Miteinander zunehmend einfacher. Das könnte unter anderem an Trans Art liegen. "Vielleicht kann ich nicht alles verstehen. Aber ich kann fühlen, was sie brauchen", schildert die 33-Jährige ihren Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Bei ihren Kolleginnen und Kollegen sei ihr Akzeptanz und Respekt wichtig: "Wir sind ein Team. Wir müssen zusammenarbeiten."

Wingelhofer freut sich über den Zuwachs im PBZ Litschau. Mehr Menschen bedeuten stabilere Dienstpläne und machen in der Einrichtung einen dritten Nachtdienst möglich. Eine Erleichterung für alle, so die Pflegedirektorin. Grundsätzlich ist sie von dem Projekt vor allem eines: positiv überrascht. Dass Personen aus Vietnam überhaupt nach Litschau kommen möchten – und wie gut sie sich einbringen. "Vom Fachlichen her, von der Pflege her, von dem, wie sie auf die Leute zugegangen sind, war alles da, was wir gebraucht haben." Die Einrichtung freue sich über jeden Österreicher, der kommt. Das Projekt sei jedoch "eine tolle Ergänzung", etwa, um Pensionierungen und Karenzen abzufedern.

Vier Pflegekräfte stehen hinter einem Bewohner, der im Rollstuhl sitzt und lächelt.

Tran mit ihren Kolleginnen Chinh Thi Kieu Le, Birgit Weinstabl, Vi Thi Tuong Vi Pham und Bewohner Franz Grassinger. 

Begleitet wird das Projekt auch von kritischen Fragen. Etwa danach, ob die internationale Anwerbung von Pflegekräften strukturelle Probleme des Berufs – wie Arbeitszeiten, Bezahlung und hohe Belastung – tatsächlich entschärfen kann oder lediglich überbrückt. Ebenso bleibt offen, wie nachhaltig das Modell ist, wenn ein Teil der Pflegekräfte wieder in das Herkunftsland zurückkehrt. Die LGA verweist in diesem Zusammenhang auf ihre Bemühungen um attraktive Arbeitsbedingungen, einen Höchststand bei den Personalzahlen sowie langfristige Strategien wie den Gesundheitsplan 2040+.

Auf Zeit

Tran ist seit rund 10 Jahren in der Pflegebranche tätig, hat bereits in ihrer Heimat eine Ausbildung zur Arztassistentin und weitere Schulungen absolviert. "Ich hatte keine Chance mehr, mein Fachwissen zu erweitern", sagt sie. Online sei die 33-Jährige auf das Stipendium in Krems gestoßen und habe sich beworben. Auch familiäre Gründe sprachen für den Umzug: "Ich denke, in Österreich gibt es gute Arbeitsbedingungen für mich und meinen Sohn."

Auch abseits der Arbeit kann sich die Tran für vieles in Österreich begeistern, die klassische Musik, die traditionelle Kleidung, die sportlichen Angebote. Sie kann sich vorstellen, länger im Land zu bleiben. Immerhin habe die 33-Jährige viel Zeit damit verbracht, erst die Sprache und dann den Dialekt zu lernen. Sie möchte auch ihren Sohn zu sich holen, er soll in Litschau eingeschult werden. Die nächsten 10 Jahre werde die Familie in Niederösterreich leben, mindestens. Nach "für immer" klingt das nicht. 

Kommentare