"Wahnsinn": 100 Menschen, 2 Pfleger - Kritik am Gesundheitssystem
Zusammenfassung
- Pflegekräfte in steirischen Heimen betreuen deutlich mehr Menschen als in Wien, was zu weniger Betreuungszeit pro Person führt.
- Die KPÖ kritisiert den niedrigen Personalschlüssel und warnt vor weiteren Kürzungen, unterstützt durch Proteste und eine Petition.
- Mehr als die Hälfte der steirischen Pflegeheime sind privat geführt, während in anderen Bundesländern kaum gewinnorientierte Heime existieren.
180 Stunden Betreuung stehen Menschen zu, die in Pflegestufe 7 sind, mindestens. So sieht das der Bundesgesetzgeber österreichweit einheitlich vor.
"Das wären sechs Stunden am Tag", rechnet Wolfgang Schwab, Diplomkrankenpfleger und Betriebsratsvorsitzender des Diakoniewerks Steiermark vor. "Aber die Realität in der Steiermark sieht so aus: In einem Pflegeheim kriegst du maximal zwei Stunden pro Tag."
Das liege am Personalschlüssel, den die Bundesländer selbst festlegen können - die Steiermark liege dabei deutlich niederiger als andere Länder, kritisiert die KPÖ.
Mehr Ressourcen in Wien
Verglichen mit Wien etwa steht in einem Heim in der Steiermark um je nach Pflegestufe um bis zu 50 Prozent weniger Betreuungspersonal zur Verfügung:
- Pflegestufe III: Eine Pflegekraft betreut in Wien 2 Personen, in der Steiermark 4.
- Pflegestufe IV: Eine Kraft betreut in Wien statistisch 1,75 Personen, in der Steiermark 2,5.
- Pflegestufe V: Eine Kraft betreut in Wien 1,5 Personen, in der Steiermark 2.
- Pflegestufe VI: Eine Kraft betreut in Wien 1,25 Personen, in der Steiermark 1,7.
- Pflegestufe VII: Eine Kraft betreut in Wien 1 Person, in der Steiermark 1,6.
Auf ein Heim mit 66 Bewohnerinnen und Bewohnern hochgerechnet hieße das: In Wien stehen insgesamt 45 Vollzeitkräfte zur Verfügung, in der Steiermark dagegen 31,35 Kräfte .
Nun befürchten KPÖ-Klubobfrau Claudia Klimt-Weithaler und der Grazer Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer, dass dieser ohnedies bereits niedrigere Personalschlüssel noch weiter sinken könnte: Gesundheitslandesrat Karlheinz Kornhäusl (ÖVP) habe dies in der Landtagssitzung im Jänner angedeutet.
Protestkundgebung und Petition
"Die blau-schwarze Kürzungskoalition fährt in jedem Bereich hinunter, der für Menschen wichtig ist", kritisiert Klimt-Weithaler und kündigt für kommenden Samstag, 7. 2., eine Protestkundgebung in Graz an sowie eine Dringliche Anfrage an Kornhäusl in der Landtagssitzung am Dienstag, 10. 2., an. Die im Jänner gestartete Petition "Pflege in Gefahr" sei bereits von 6.500 Menschen unterzeichnet worden, betont Klimt-Weithaler.
Nicht weniger, sondern mehr Menschen, die in der Pflege arbeiten, seien notwenig, und zwar um 30 Prozent, rechnet Wolfgang Schwab vor. "Man muss sich das einmal vorstellen: Eine Pflegeassistenz in Heimen hat im Frühdienst zehn bis vierzehn Personen zu versorgen - allein".
2 Pflegekräfte für 100 Menschen
Nachtdienste seien im Gesetz überhaupt nicht geregelt, es fehle die Verordnung. "Die Praxis ist: Heime mit bis zu 100 Leuten sind in der Nacht mit zwei Assistenzen besetzt. Allein das ist schon ein Wahnsinn."
Heime, die von öffentlichen oder gemeinnützigen Trägern geführt werden, gehen meist von sich aus über den Personalschlüssel hinaus, betont Stadtrat Krotzer, in dessen Ressort die Geriatrischen Gesundheitszentren Graz fallen. "Aber je niedriger der Schlüssel, desto weniger Mittel kommen vom Land auch für die gemeinnützigen Träger", mahnt Krotzer. "Dann hast du ein größeres Delta, das du aus eigenen Mittel decken musst."
Das Bundesland der privaten Heime
Allerdings wird mehr als die Hälfte der Heime in der Steiermark von privaten Unternehmen geführt, analysiert Wolfgang Schwab, 55 Prozent konkret. 30 Prozent sind im Besitz nicht gewinnorientierter, gemeinnütziger Träger, hinter 15 Prozent stehen öffentliche Träger.
Verglichen mit den anderen Bundesländern sei die Steiermark somit das Land der privaten Einrichtungen:
- In Wien, Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarberg gäbe es keine gewinnorientierten (privaten) Heime.
- In Niederösterreich und Kärnten seien 20 Prozent privat geführt.
- Im Burgenland seien derzeit noch 13 Prozent gewinnorientiert ausgerichtet: Ein Landesgesetz legte fest, dass bis Ende 2026 Gemeinnützigkeit nachgewiesen werden muss - andernfalls fallen Förderungen weg.
Gesundheitslandesrat Kornhäusl hält dagegen, dass "eine Vielzahl an Maßnahmen" beschlossen worden sei, um die Pflegeausbildung zu forcieren und den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten. Derzeit befänden sich allein in der Steiermark rund 3.000 Personen in einer Pflegeausbildung bzw. im Nostrifizierungsprozess: Somit seien mit Stand Ende 2025 fast 400 mehr Pflegekräfte beschäftigt sind als im Jahr davor.
"Ausgaben enorm angestiegen"
"Diese notwendigen Maßnahmen kosten aber viel Geld, daher sind die Ausgaben von Ländern und Gemeinden im Pflegebereich enorm angestiegen. Wenn jetzt nicht mit einem Bündel an Maßnahmen entgegengesteuert wird, ist die Pflege in Gefahr", hieß es in einer Stellungnahme. In den nächsten Wochen würden Gespräche mit allen Partnern im Pflegebereich geführt.
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