Chronik | Niederösterreich
07.09.2018

Stramme Wadl und fesche Madl – Niederösterreich trägt Tracht

Die Volkskultur NÖ lädt zum 10. Dirndlgwandsonntag. Bettina und Johannes Bertl sind die Gesichter der Veranstaltung.

Ganz Niederösterreich feiert kommendes Wochenende den Dirndlgwandsonntag. Die  31-jährige Bäuerin Bettina Bertl von den Wilhelmsburger Hoflieferanten ist die "Botschafterin des Dirndls" und verrät, worauf man etwa beim Schleifenbinden achten sollte, damit beim großen Fest am Sonntag ja kein Fauxpas passiert. 

Sie sind das Werbegesicht des heurigen Dirndlsonntags – spielt Tracht für Sie persönlich eine wichtige Rolle?
Bettina Bertl:
Natürlich, wir Bauern stehen für Brauchtum und Tradition, da gehört die Tracht dazu. Ob am Sonntag in der Kirche, bei einer Geburtstagsfeier oder einer unserer Käseverkostungen der Wilhelmsburger Hoflieferanten – wir tragen fast immer Tracht.

Das heißt, Dirndl und Lederhose darf bei Ihnen auch im Alltag nicht fehlen?
Richtig, Tracht wird im Bauernstand nahezu täglich getragen. Mein Schwiegervater trägt sogar heute noch bei der Arbeit am Feld eine Lederhose. Die ist dann zwar ganz schmutzig und speckig, aber das gehört ja auch so (lacht).

Gibt es denn einen Anlass, an dem  Tracht nicht passt?
Meine Schwägerin sagt immer „Mit einer Tracht ist man immer fertig angezogen.“ Mittlerweile sehe ich das genauso. Da kann man nichts falsch machen.

Wie viele Dirndl haben Sie im Schrank hängen?
An die zehn Stück werden es schon sein. Von kurz bis lang in allen Farben: Arbeitsdirndl aus Baumwolle genauso wie Festtagsdirndl aus Seide oder schicke Partydirndl, die auch ein bisschen kürzer sein dürfen. Tracht kommt  nie aus der Mode. Mein Mann etwa besitzt noch eine Lederhose von seinem Großvater, die er mit großer  Leidenschaft trägt.

Dirndl und Lederhose haben in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erlebt, vor allem bei der Jugend. Wie erklären Sie sich das?
Das stimmt, vor allem in den letzten zehn Jahren ist das Dirndl wieder salonfähig geworden. Das Revival ist durch die kurzen Dirndl gekommen, die die jungen Mädels ansprechen und auch vom Preis her leistbarer sind. Entgegen aller neumodischen Trends sollte man jedoch darauf achten, dass das Kleid zumindest knielang ist – besonders, wenn  das Dekolleté schon recht betont wird (zwinkert).

Und welche Schuhe trägt Frau zum Dirndl?
Am besten natürlich ein  Schuhwerk in der Farbe des Kleides. All jenen, die sich damit schwertun, empfehle ich, Schuhe in der Farbe der Haare zu wählen. Wenn Blondinen also eher zu beigen Farben und Braunhaarige zu dunkle Farben greifen, ist man damit immer bestens ausgerüstet. Flache Ballerinas und Raulederschuhe gehen natürlich auch, gerne darf es auch mal etwas höher sein. Allerdings würde ich von Stilettos abraten, die sind sehr unpassend, wenn man Tracht trägt.

 Abschließend darf man auch auf das richtige Binden der Schleife nicht vergessen. Worauf muss man da achten?
 Mir persönlich ist es wichtig, dass die Schleife schön waagrecht gebunden ist und nicht senkrecht wegsteht. Das ist zwar ein bisschen eine Arbeit, aber eine schöne Schleife macht die Optik erst perfekt. Beim Schleife-Binden gibt es ein paar Bräuche. In meiner Heimat binden unverheiratete Mädchen die Schleife von sich aus gesehen links, ist man verheiratet, wird sie rechts getragen. Ich habe meinen Mann heuer am 1. Jänner geheiratet – daran zu denken, dass die Schleife jetzt auf einmal rechts sitzt, ist gar nicht so einfach und auch noch ungewohnt (lacht). Aber ich finde es toll, gleich mit der Kleidung zu symbolisieren, dass man zu jemandem gehört.

Blau in der Wachau, schlicht im Weinviertel

„Die Tracht, wie wir sie heute kennen, ist noch sehr jung“, schildert Dorli Draxler, Geschäftsführerin der Volkskultur NÖ und ausgewiesene Trachtenspezialistin. Aufzeichnungen aus dem neunten Jahrhundert zeigen sowohl Männer als auch Frauen in langen Kleidern und Hemden, mit Ende des Mittelalters  wurde die Hose zum Statussymbol bei Männern. Das Dirndl, wie man es heute kennt, ist erstmals auf Abbildungen aus der Biedermeierzeit im 19. Jahrhundert zu erkennen.  Der Kittel mit Schürze aus Leinen, Baumwolle oder Loden wurde von den einfachen Leuten als Arbeitskleidung getragen, an Festtagen schlüpfte man in Gewänder aus edleren Stoffen wie Samt, Seide oder Brokat.

Ein richtiges Niederösterreich-Dirndl gibt es nicht – jede Region hat ihre eigene Tracht. Während in der Wachau der Blaudruck dominiert, fallen die Dirndl im Weinviertel eher  schlichter aus. Ganz im Gegensatz zum Wald- und Mostviertel: Hier sind die Gewänder aufwendig bestickt. „Das geht zurück auf den finanziellen Wohlstand, den die Leute in dieser Region durch die Eisenerzeugung gewonnen hatten“, erklärt Draxler. Als am auffälligsten und wertvollsten gelten etwa die Festtagstracht von  Groß Gerungs aus dem nördlichen Waldviertel oder die Goldhaubenkleider aus dem Mostviertel. Generell tendieren die Niederösterreicher zu kleinkarierten Stoffen – sowohl im Alltag als auch an Festtagen.

Die heilige Notburga

Der Dirndlgwandsonntag findet jedes Jahr um den 13. September, den Namenstag der heiligen Notburga, der Schutzpatronin für Mägde und Bauern, statt. In der Ikonografie wird die Heilige in Tracht dargestellt. Zahlreiche Gemeinden von Wiener Neustadt über Baden, Zwettl und Melk rufen an diesem Tag zum Tragen von Tracht auf. Mehr Infos unter www.wirtragennoe.at