Pendlerfrust auf der Wiener Stammstrecke

Petitionen, Warnungen, widersprüchliche Zahlen: Die bevorstehende Stammstrecken-Sperre sorgt für Streit zwischen Politik und ÖBB.
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Der Zug kommt verspätet, fällt ganz aus oder er steht, weil ein Gegenzug abgewartet werden muss – das ist das tägliche Leid der Pendler der Ostregion.

Das weiß auch Landtagsabgeordneter Georg Ecker, Verkehrssprecher der Grünen, der im Bezirk Hollabrunn lebt: „Wohlwissend, dass nicht alle Probleme von heute auf morgen lösbar sind, wollen wir ein Zeichen setzen – denn ich bin mir nicht sicher, ob die Tragweite der Probleme in den Regierungen im Bund und Land sowie bei der ÖBB-Spitze tatsächlich angekommen ist.“ Darum starteten die Grünen des Landes NÖ die Petition „Pendlerfrust“. Die Neos sind ebenfalls besorgt. Ihre Petition „Rettet die Pendler:innen“ pocht auf verlässliche Alternativen für die Bahnfahrer.

Ersatzbusse gefordert

Neben Verbesserungen für die Ostregion fordert die Petition der Grünen Landes- und Bundesregierung angesichts der Stammstrecken-Sperre in Wien zum Handeln auf. Der Öko-Politiker glaubt, dass viele die Sperre ab September zwischen Praterstern und Hauptbahnhof „nicht auf dem Schirm“ haben.

Bislang sei kein klassischer Schienenersatzverkehr geplant. Für die Pendlerinnen und Pendler aus Niederösterreich will die Petition Ersatzbusse erwirken, die den Norden direkt mit dem Hauptbahnhof verbinden. Warum? „Wenn 250.000 Menschen zusätzlich in die U-Bahnen und Straßenbahnen drängen, wird sich das alleine mit Taktverdichtungen nicht ausgehen“, fürchtet Ecker.

„Wird sich nicht ausgehen“

„Die 250.000 Fahrgäste sind alle Personen, die pro Werktag die gesamte Stammstrecke zwischen Meidling und Floridsdorf in beide Richtungen befahren. Demnach sind von der Sperre zwischen Hauptbahnhof und Praterstern bei Weitem nicht diese Anzahl an Fahrgästen betroffen“, betont ÖBB-Sprecher Christopher Seif auf KURIER-Nachfrage.

„Analysen zeigen, dass sich Fahrgastströme neu verteilen und das bestehende öffentliche Verkehrsnetz bei entsprechenden Begleitmaßnahmen zusätzliche Fahrgäste aufnehmen kann“, bestätigt Jan Hofmann, Sprecher von Mobilitätsminister Peter Hanke (SPÖ).

Kein Schienenersatz

Womit der Abgeordnete recht hat: Schienenersatzverkehr mit Bussen ist nicht geplant. Für den Zeitraum der Hauptsperre – 7. September 2026 bis Ende Oktober 2027 – haben ÖBB, Wiener Linien mit Experten des Österreichischen Instituts für Raumordnung (ÖIR) Fahrgaststromanalysen durchgeführt.

„Dabei wurde selbstverständlich auch geprüft, ob ein klassischer Schienenersatzverkehr mit Bussen zwischen Hauptbahnhof und Praterstern – oder auf Teilabschnitten – sinnvoll wäre“, versichert Seif. „Die eindeutige Antwort war jedoch: Nein.“ Die Gründe dafür: Ein Bus bietet weniger Kapazität als Straßenbahnen oder U-Bahnen; sie sind wesentlich langsamer und stünden im Stau.

Daher werden Taktverdichtungen bei U-Bahnen erfolgen; Kapazitätsanpassungen sind bei Straßenbahnlinien vorgesehen ebenso wie Kundenlenkungsmaßnahmen, damit „die Fahrgäste während dieser Sperre rasch und verlässlich von A nach B kommen“, so Seif.

„Österreichweit ist bei großräumigen Sperren zu beobachten, dass sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase neue, für den Fahrgast passende Wege etablieren und sich die Pendlerinnen und Pendler breit im öffentlichen Verkehrsnetz verteilen“, weiß der ÖBB-Sprecher.

Zudem habe das Wiener Öffi-Netz auf vielen Strecken noch ausreichend Kapazitäten. Wo eine besonders starke Zunahme zu erwarten ist, werden ergänzende Maßnahmen gesetzt, damit das erhöhte Fahrgastaufkommen gut bewältigt werden kann, sagt Seif.

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