Büchereien sind kein Ort zum Schweigen

Bibliotheken erleben einen Aufschwung. Literaturvermittlerin Kathrin Hömstreit erzählt, warum Büchereien mehr sind als ein Ort für Bücher.
Kathrin Hömstreit

Zwischen den Bücherregalen der Niederösterreichische Landesbibliothek ist an diesem Freitagvormittag viel los. Stände sind aufgebaut, Informationsmaterial liegt auf weißen Tischtüchern bereit. Das Publikum, tendenziell weiblich und älter, spaziert durch den Raum, unterhält sich, steckt Folder und Flyer ein.

Treffpunkt Bibliothek als etablierte Fachmesse

Zum achten Mal lädt die Servicestelle Treffpunkt Bibliothek Niederösterreich mit der Fachmesse „biblio aktiv“ Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in die Landeshauptstadt. Das Event ist als Plattform für Austausch und Vernetzung gedacht. Gleichzeitig präsentieren 40 unterschiedliche Ausstellende – von Verlagen über Autoren bis hin zu Organisationen wie dem Hilfswerk oder Natur im Garten – ihre Angebote, Produkte und Ideen in Vorträgen oder an ihren Ständen.

Kathrin Hömstreit findet sich ebenfalls in der Menge. Die ausgebildete Sozialpädagogin und Literaturvermittlerin ist Geschäftsführerin der für die Messe zuständigen Servicestelle und Expertin für die Arbeit der Bibliotheken. Mit dem KURIER spricht sie über ihre Arbeit.

KURIER: Wie geht es Bibliotheken in der heutigen Zeit?

Kathrin Hömstreit: Die öffentlichen Bibliotheken erleben einen Aufschwung. Sie werden in den letzten Jahren immer mehr genutzt – vor allem für das haptische Lesen, aber auch digitale Angebote werden gut angenommen. Was auffällt, ist, dass die Menschen den Austausch vor Ort sehr genießen und immer mehr schätzen. Die Bibliotheken merken jedenfalls nichts davon, dass sie verschwinden würden. Ganz im Gegenteil.

Sie haben den persönlichen Austausch angesprochen. Bibliotheken gelten als dritter Raum, als niederschwellige Treffpunkte neben dem Zuhause und der Arbeit oder der Schule. Warum sind diese Einrichtungen wichtig?

Es ist den Menschen, glaube ich, ein Anliegen, noch einen Ort zu haben, wo man sich konsumfrei aufhalten kann. Wo man nichts tun muss, zu nichts verpflichtet ist, einfach da sein kann. Diese Orte werden immer weniger in den Gemeinden. Gasthäuser schließen, Vereine sind häufig mit Kosten verbunden. Und da sind Bibliotheken gute Alternativen.

Bibliotheken werden auch sehr oft zum Lernen aufgesucht. Das wird auch immer mehr, weil nicht alle zu Hause die Möglichkeit dazu haben. Sie werden auch gerne genutzt, weil sie sichere Räume sind, etwa für Familien. Die Kunden kommen schon zum Ausleihen, aber viele kommen auch, um sich zu unterhalten. Das wirkt der Einsamkeit entgegen. Sie kommen auch zum Spielen, um verschiedene Angebote zu nutzen oder auch um die Ruhe zu genießen – wobei es nicht in allen Bibliotheken immer ruhig zugeht.

Wie sieht es mit den jungen Leuten aus? Lesen sie noch?

Ja, die jungen Leute lesen noch. Sie lesen teils mehr als früher. Es gibt natürlich immer Phasen in einem jungen Leben, wo man nicht viel zum Lesen kommt. Weil man lernen oder arbeiten muss. Aber sie lesen noch. In den Bibliotheken ist es so, dass der Besuch meistens ein bisschen absinkt während der Jugendzeit. Wenn die Jugendlichen schon als Kinder da waren, kommen sie dafür als Erwachsene wieder und das freut uns natürlich sehr.

Die Zukunft der Bibliotheken sehen viele im skandinavischen Modell. Kein reiner Ort für Bücher, sondern eine „Bibliothek der Dinge“. Ist das auch ein Thema in Niederösterreich?

Das wird immer mehr. Wir haben bereits manche Bibliotheken mit verlängerten Öffnungszeiten und wir haben mittlerweile drei Büchereien die eine „Bibliothek der Dinge“ führen.

Was wird dort verliehen?

Ganz unterschiedliche Dinge. Vom Schlagbohrer über das Stand Up Paddle Board bis zum Waffeleisen. Das nützt der Nachhaltigkeit, hilft, den Keller nicht zu voll zu räumen, und wird von Kunden auch sehr gut angenommen.

Büchereien erfüllen also die unterschiedlichsten Aufgaben. Was muss eine Bibliothekarin, ein Bibliothekar heute mitbringen?

An und für sich sind Bibliothekare Allrounder, die müssen sehr viel können. Das Wichtigste ist, Menschen zu mögen. Denn es geht viel um Beziehung, um Kontakt, um diesen Servicegedanken. Auch für die Kunden da zu sein. Dann ist natürlich Medienkompetenz wichtig und ein Überblick über den Buchmarkt.

Was eine große Aufgabe in Bibliotheken ist, ist natürlich die Öffentlichkeitsarbeit und auch die Lesefreude zu fördern. Also schulische Programme, Programme mit anderen Kooperationspartnern durchzuführen. Dazu kommt Social Media-Arbeit, Katalogisieren, Recherche. Man muss von allem ein bisschen etwas können.

Was bedeutet Bibliothek für Sie persönlich? Was macht diesen Raum aus?

Für mich persönlich ist die Bibliothek ein zusätzlicher Freiraum, wo man sich mit anderen weiterentwickeln kann, im Austausch ist. Und die Möglichkeit hat, persönlich zu wachsen. Sie sind für mich auch in den Gemeinden wichtige Orte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, weil sich dort wirklich Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus, aus ganz unterschiedlichen Alltagsrealitäten begegnen. Darum haben sie einen großen Stellenwert für Bildung, für Kultur und als Treffpunkt.

Kommentare