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Chronik Niederösterreich
11/06/2019

Ehefrau in Wilhelmsburg erstochen: 20 Jahre Haft für 62-Jährigen

Der Mann war bereits einmal in seiner Heimat für die Tat verurteilt worden. Nun muss er wieder ins Gefängnis.

von Johannes Weichhart

Ein 62-Jähriger, der 2005 seine Ehefrau in Wilhelmsburg (Bezirk St. Pölten-Land) mit einem Stich in den Hals getötet haben soll, ist am Mittwoch in St. Pölten wegen Mordes zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Die Geschworenen entschieden einstimmig. Der Verteidiger meldete Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an, der Staatsanwalt gab keine Erklärung ab. Damit ist das Urteil nicht rechtskräftig.

Der Beschuldigte war nach dem Vorfall in seine Heimat Kosovo geflüchtet, wo er für die Tat sieben Jahre Haft erhielt. 2018 wurde er in Albanien gefasst und nach Österreich ausgeliefert. Der Mann bestritt einen Tötungsvorsatz.

Frau wollte sich scheiden lassen

Dem 62-Jährigen wurde vorgeworfen, am 5. Juni 2005 mit einem Messer auf seine Frau im Zimmer, in dem sie schlief, eingestochen zu haben. Das Opfer starb nach massivem Blutverlust. Zum Motiv führte Staatsanwalt Karl Fischer aus, dass es Eheprobleme und zuvor eine Wegweisung gab, der Beschuldigte sei ein „Tyrann, herrschsüchtig und hat seine Frau regelmäßig geschlagen“. Das spätere Opfer wollte sich laut Staatsanwalt scheiden lassen, „das war für ihn unerträglich, weil er befürchtet hat, seine Kinder zu verlieren“. Deshalb habe der Angeklagte beschlossen, seine Frau umzubringen.

"Keine Hinweise auf Kampfhandlung"

Verteidiger Anton Pelwecki betonte hingegen: „Mein Klient hatte nie einen Tötungsvorsatz. Er wollte seine Frau nie umbringen.“ Sie sei damals mit einem Messer auf seinen Mandanten zugekommen, „dann haben sich die Ereignisse praktisch überschlagen“: „Es gab einen kurzen Kampf, im Zuge dieser Auseinandersetzung ist die tödliche Verletzung entstanden.“

Zur vom Angeklagten behaupteten Notwehrsituation sagte der Staatsanwalt: „Die Obduktion ergab keine Hinweise auf eine Kampfhandlung“. Der Beschuldigte habe „wohlweislich das Messer, mit dem er sie umgebracht hat, nach der Tat abgewaschen und in den Geschirrspüler gegeben und ist dann in den Kosovo geflüchtet“. Seinen Kindern im Alter von zehn bis 15 Jahren habe er erzählt, sie würden einen Ausflug an den Neusiedler See machen.

Strafe war zu gering

„Der Fall ist in mehrerer Hinsicht ungewöhnlich“, betonte der Vertreter der Anklagebehörde. Der Beschuldigte wurde 2009 im Kosovo für die Tat zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die er bis Oktober 2014 verbüßte. Bestrebungen der Staatsanwaltschaft St. Pölten, den Mann nach Österreich auszuliefern, blieben vorerst erfolglos.

Nach Durchsicht der Unterlagen aus dem Strafverfahren sei die Anklagebehörde zum Schluss gekommen, dass die verhängte Strafe „zu gering ist“. „Er hat seine Frau heimtückisch und kaltblütig umgebracht“, sagte Fischer. Die Staatsanwaltschaft beantragte einen europäischen Haftbefehl, der Mann wurde am 4. November 2018 in Albanien festgenommen und in Folge nach Österreich ausgeliefert.

Nachbarn berichten von Streit

Laut Nachbarn soll es Streit und Auseinandersetzungen in der Wohnung der Familie gegeben haben. „Vielleicht waren die Kinder laut“, meinte der Angeklagte laut Dolmetscherin dazu. Im Jahr 2001 war er aus der Wohnung gewiesen worden. Die Frau soll ihren Mann 2001 in einem Brief an eine Verwandte als „Monster“ und „Teufel“ bezeichnet und geschrieben haben: „Zwischen uns herrscht Krieg.“ Laut seiner früheren Aussage soll die Frau Internetbekanntschaften gehabt haben. „Ich habe keine Kontrolle über sie ausgeübt“, erklärte der Beschuldigte.

Von der Tatnacht erzählte der 62-Jährige, dass er gegen 2.00 Uhr zweimal vom Schlafzimmer ins Kinderzimmer gegangen sei und seine Frau am Computer sitzen gesehen habe. „Ich sagte komm, geh schlafen, wir fahren morgen an den See“, sie habe nur gemeint: „Lass mich in Ruhe.“ Daraufhin habe er sich jeweils wieder niedergelegt, später sei seine Frau auch ins Bett gekommen. „Ich sah sie mit einem Messer in der Hand zu mir gerichtet. Sie hatte ein Knie auf dem Bett. Ich habe sie an der Hand gefasst“, schilderte der Mann das Geschehen laut Dolmetscherin. An den genauen Ablauf konnte er sich nicht mehr erinnern. „Vielleicht bin ich über sie gefallen.“

Tatwaffe in den Geschirrspüler gesteckt

Er habe ein Stöhnen seiner Frau gehört, da habe sie keinen Puls mehr gehabt. „Ich habe Blut in meiner Hand und dann die Stichwunde gesehen.“ Wie es zur Verletzung am Hals kam, wisse er nicht. Die Tote wurde am Bauch liegend unter Decken gefunden. „Ich habe sie wegen der Kinder zugedeckt“, sagte der Angeklagte. Das Messer habe er zwischen den Matratzen gefunden, in der Küche abgewaschen und in den Geschirrspüler gegeben. Auch Blutspuren habe er weggewischt. Im Geschirrspüler wurden zwei Messer gefunden. Welches der beiden die Tatwaffe war, konnte der Angeklagte nicht sagen.

In der Früh habe er die Kinder aufgeweckt und gesagt, dass ihre Mutter schlafe und sie sich zu fünft auf den Weg nach Ungarn und dann an den See machen. Tatsächlich fuhr er Richtung Kosovo, brachte dort die Kinder zu Verwandten und stellte sich den Behörden.

Urteil wird für den Abend erwartet

Die vorsitzende Richterin hielt dem 62-Jährige frühere Aussagen vor, die im Widerspruch zu seinen Angaben am Mittwoch standen. „Ihre Version stimmt nicht mit den Spuren überein“, betonte sie. In einem E-Mail, das verlesen wurde, schrieben die Kinder: „Unserer Meinung nach hat unser Vater die Strafe abgesessen. Wir möchten, dass diese Sache ein Ende hat.“ Nach der Befragung des Beschuldigten wurde der Prozess mit der Einvernahme von Zeugen fortgesetzt.