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Chronik Niederösterreich
06/21/2019

Sieben Tage im heiligen Fluss Ganges

Der Weinviertler Reinhard Kopp schwamm 108 Kilometer im Ganges in Indien, stellte einen Rekord auf und wirbt für saubere Flüsse.

von Marlene Penz

Vom Himalaja ausgehend schlängelt sich der Ganges über 2.600 Kilometer durch Indien. Er ist das Heiligtum der Hindus, dort waschen sie sich von ihren Sünden rein. Doch an manchen Stellen ist der Fluss durch Fabriken und städtische Abwässer derart verschmutzt, dass eindringlich vor Kontakt mit dem Wasser abgeraten wird.

Langstreckenschwimmer Reinhard Kopp aus Ladendorf im Bezirk Mistelbach, der schon weltweit Gewässer durchschwommen ist, will genau darauf die Aufmerksamkeit lenken: „Ich schwimme gerne in Flüssen, aber ich schwimme lieber in sauberen und ich kämpfe für jede Mutter, die ein Kind hat, das im Fluss baden möchte“. Jetzt hat er im Ganges einen Rekord aufgestellt, er schwamm als erster Mensch 108 Kilometer in sieben Tagen im heiligen Fluss. Startpunkt war bei Srinagar im Gebirge, Ziel in der Stadt Rishikesh.

30 Kilometer nach Rishikesh könne man aber nicht mehr schwimmen, da sei das Wasser zu vergiftet, erzählt der 46-Jährige. Kurz vor dem Ziel habe er das Wasser während des Schwimmens noch getrunken – ohne Nebenwirkungen. Risikoreich war die Aktion auch sonst: Steine, Treibgut oder Stromschnellen konnten zum Verhängnis werden. Gefährliche Tiere, wie Krokodile, gibt es in diesem Abschnitt des Ganges nicht, das einzige, das passieren hätte können: „Dass ich ertrinke“, sagt der gebürtige Wiener. Schwimmen im herkömmlichen Sinne ist hier fehl am Platz: „Man muss sich an den Fluss anpassen, tun was das Wasser verlangt. In einem wildfließenden Gewässer muss man sich so bewegen, dass man nicht herumgewirbelt wird und das verhindert man sicher nicht mit rhythmischen Bewegungen“, erzählt der Flussschwimmer mit Spitznamen „Rio“.

Überlebenskampf

Und der Ganges ist unberechenbar: „Ich hatte einen Funpark, wo du herumgewirbelt wirst, wie im Tagada im Wiener Prater, und dann lag ich wieder auf dem Rücken, konnte in den Himmel schauen und die Affen am Flussufer beobachten“. Angst hatte er nie: „Du hast gar keine Zeit zum Fürchten, in dem Moment, wo du erkennst, dass du in Gefahr bist, musst du einfach kämpfen und mit Händen und Füßen Vollgas geben. Nach 20 Sekunden ist alles vorbei und du bist einfach nur froh, dass du es geschafft hast.“

Reinhard Kopp war ständig in Begleitung von zwei indischen Flussexperten und einem Koch, die mit einem Boot neben ihm hergefahren sind. „Die beiden Experten kennen die Gegebenheiten vor Ort so gut, dass sie mich ins Boot holten, bevor eine gefährliche Stelle gekommen ist“, erzählt er. Rund zwanzig Kilometer in etwa vier Stunden hat er pro Tag im 14 Grad kalten Wasser zurückgelegt.

Aktionismus

„Rückblickend wären auch mehr gegangen. Aber das konnten wir nicht wissen im Vorhinein. Weder ich, noch meine Begleiter haben so etwas schon einmal gemacht“, sagt der Wahlniederösterreicher und plant schon die nächsten Projekte. Noch heuer möchte er die gesamte Donau durchschwimmen. Wichtig ist ihm, dass man nicht mit dem Finger auf Indien zeigt, denn auch bei uns ist die Verschmutzung der Flüsse ein Thema: „Die Aktion könnte überall auf der Welt stattfinden. Die Inder wissen selbst, dass es Handlungsbedarf gibt und haben sich sehr gefreut, dass jemand zumindest versucht, etwas zu tun.“ Am Anfang war „RioKopp nicht bewusst, dass er einen Rekord aufstellen würde, erst als er in Rishikesh ankam und ihm von Politikern gesagt wurde, dass er, wenn er es schafft, in die Geschichte eingehen würde. „In der Nacht bevor es losging konnte ich nicht schlafen. Ich habe geweint, einerseits vor Glück, weil ich so privilegiert bin und das machen darf, andererseits aus Angst, es nicht zu schaffen“, gesteht er.

Training

Natürlich hat er für sein Projekt trainiert. Drei Monate davor hat Kopp sein Schwimmtraining intensiviert und versucht, Fettreserven anzulegen. „Im Schwimmbad in Ladendorf bin ich immer eine Stunde Vollgas geschwommen – nicht für die Kondition, sondern zum Muskelaufbau“, betont er.

Ansonsten hat er seine tägliche Bewegungsroutine verfolgt, die er seit sechs Jahren praktiziert: Jeden Tag eine halbe Stunde laufen, Yoga und Tanzen. „Ich habe einen Verein für zeitgenössischen Tanz und ich bin jeden Tag ungefähr sechs Stunden in Bewegung. Da war also schon eine solide Basis da“, ein Schwimmer sei er sowieso schon seit seiner Kindheit.

Seine ersten Flussschwimmerlebnisse hat er im Amazonas gemacht. Dort hat er einen Monat im brasilianischen Dschungel in einer Hütte am Flussufer gewohnt und ist jeden Tag dieselbe Strecke geschwommen: „Aber es war immer anders. Dort regnet es oft die ganze Nacht und dann hat der Fluss einen zwei Meter höheren Wasserstand“, blickt er zurück. Schwimmen hat für ihn etwas Meditatives: „Wenn man es lang genug macht und rhythmisch schwimmt, kommen auch Bilder hinzu“. Auch im Ganges hatte er so eines: Eine weibliche Hand, die ihn trägt – er ist sich sicher, das sei die Mutter Ganga gewesen (Anm.: Für Hindus gilt der Fluss als personifizierte Göttin Ganga), die ihn behütet hätte.

So wie andere den Jakobsweg gehen, möchte er durch die Flüsse der Erde pilgern und Zeichen gegen die Verschmutzung setzen zu setzen.

Der Ganges: Heiligtum der Hindus

Der Ganges ist mit über 2.600 Kilometern der zweitgrößte Fluss Indiens. Den Hindus gilt er als heilig. Jährlich pilgern Millionen Menschen an den Ganges, um sich dort  zu waschen und seelische Reinigung zu erfahren.  Sie nennen den Fluss „Mutter Ganga“. Ganga gilt Hindus nicht nur als heilig, sondern ist die lebendige Wasserform der Göttin –  personifiziert im Fluss. Obwohl er  in vielen Bereichen stark verschmutzt ist, nehmen Pilger das Wasser mit  und verwenden es als Weihwasser.