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Reportage
04/19/2021

Sucht in Zeiten der Pandemie: Wie geht es den Betroffenen?

Die Nachfrage nach Suchtberatung steigt, doch so manche Hilfeleistung muss im Lockdown ausgesetzt werden. Eine Reportage aus St. Pölten.

von Miriam Steiner

 

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Susi (Name geändert, Anm.) ist Alkoholikerin. Im Jahr 1986 ging sie zum ersten Mal zu einem Meeting der Anonymen Alkoholiker (AA), damals war sie 29 Jahre alt. Seit diesem Tag hat sie keinen einzigen Schluck Alkohol mehr getrunken. Abgesehen von einem Eiskaffee mit Likör, der ihr fälschlicherweise mal serviert wurde, und auch den hat sie prompt zurückgeschickt. Und trotzdem, nach all den Jahren der Abstinenz, spricht Susi von sich selbst immer noch als Alkoholikerin.

„Sucht ist für mich eine körperliche und seelische Krankheit und ich weiß, ich werde nie völlig genesen“, sagt die Pensionistin. Jeden Tag nehme sie sich aufs Neue vor, 24 Stunden trocken zu bleiben und das erste Glas stehenzulassen. „Nicht erst das fünfte oder sechste.“

Meetings waren nur online möglich

Zu den wöchentlichen Treffen der AA geht Susi auch noch immer. Heute findet eines im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten statt. Erst seit knapp fünf Wochen finden die Treffen wieder persönlich statt. Man beruft sich damit auf die 4. Novelle zur 4. Covid-19-Schutzmaßnahmenverordnung, welche „Zusammenkünfte von medizinischen und psychosozialen Selbsthilfegruppen“ seit 15. März ausdrücklich erlaubt.

Davor waren AA-Meetings monatelang nur online möglich. Für Susi war das kein Problem, ganz im Gegenteil: „Ich habe meine zweite Heimat in Zoom gefunden und finde es toll, dass ich jederzeit und theoretisch überall auf der Welt in ein Meeting einsteigen kann – und immer willkommen bin“, sagt sie. Heute St. Pölten, morgen Bonn oder Berlin.

Mehr Anfragen

So locker sieht das allerdings nicht jeder. „Ich halte von den Online-Treffen nix“, sagt ein groß gewachsener Mann, der jetzt rechts von Susi Platz genommen hat. Vor ihm liegt ein grünes, abgegriffenes Taschenbuch-Exemplar des Zwölf-Schritte-Programms der AA. Er sei jetzt eben ein paar Monate zu keinem Treffen gegangen, erzählt der Mann. „Für mich war das in Ordnung, denn ich bin auch schon seit vielen Jahren trocken. Aber für jene Betroffenen, die sich erst vor Kurzem ihrer Sucht gestellt haben, war das deutlich schwieriger.“

Offenbar nicht nur für diese Betroffenen: Susi erzählt von einer Freundin, die 24 Jahre trocken war, „und jetzt, durch die Herausforderungen der Pandemie, hat sie wieder zu trinken begonnen“.

Solche Fälle sind auch in diversen Einrichtungen der Suchtberatung bekannt. „Je anhaltender Existenzsorgen, Einsamkeit oder Belastungen in der Familie sind, desto eher steigen auch Suchtprobleme“, sagt Ulrike Gerstl, Leiterin der Suchtberatung der Caritas St. Pölten.

„Natürlich kommen manche gut mit der Pandemie zurecht, andere allerdings haben schwere Rückfälle“, sagt sie. Seit Ausbruch der Pandemie merke sie vor allem bei den Anfragen durch Angehörige einen deutlichen Anstieg: „2020 haben wir um 40 Prozent mehr Anfragen von Angehörigen erhalten als noch 2019. Sie sind meist die ersten, die sich an uns wenden, weil sie merken, dass etwas nicht passt“, sagt Gerstl.

"Es wird Zeit, dass sich das wieder ändert"

Gruppentreffen wie jene der AA werden unter normalen Umständen auch von der Caritas St. Pölten organisiert, sowohl für Betroffene als auch deren Angehörige. Seit Beginn des Lockdowns im November des Vorjahres finden diese nicht mehr statt. „Wir merken, es wird Zeit, dass sich das wieder ändert. Momentan arbeiten wir daran, hierfür eine Lösung zu finden“, sagt Gerstl.

Einzelberatungen hingegen werden weiterhin angeboten und, falls es die Umstände erfordern, auch persönlich abgehalten. „Digitale Angebote sind gut, aber man hat es hier mit Menschen zu tun. Meine Conclusio nach diesen Monaten der Pandemie lautet: Dieses Thema verlangt nach persönlichem Kontakt.“

Mehr Alkohol und Zigaretten

Auch Umfragen der Universität Wien bestätigen, dass 22 Prozent der Österreicher seit Ausbruch der Pandemie mehr trinken. Besonders Personen in Kurzarbeit oder Menschen, die durch die aktuelle Situation verstärkt an Einsamkeit leiden, berichten von einem gesteigerten Trinkverhalten.

Seitens der Fachstelle für Suchtprävention NÖ heißt es, dass etwa im Frühjahr 2020 vor allem Frauen gehäuft eine Steigerung ihres Konsums von Tabak, Alkohol oder Schlaf- und Beruhigungsmittel angaben, und zwar wegen der stärkeren Belastung und des Stresses während des ersten Lockdowns. Langzeitauswirkungen müsse man weiter beobachten – seitens der Fachstelle rechnet man mit einer zeitverzögerten Zunahme an Personen, die Unterstützung in einer Behandlungseinrichtung in Anspruch nehmen wollen.

Fehlende Perspektiven

Für Gerstl spielen vor allem die derzeit fehlenden Zukunftsperspektiven eine Rolle: „Man kann ja schwer sagen, ob das nun in einem Monat besser wird oder nicht. Die Perspektive fehlt – sowohl für jene, die durch die Pandemie sehr viel mehr Arbeit haben und unter Stress leiden als auch für jene, die mit Arbeitslosigkeit kämpfen. Manche können mit den damit verbundenen Ängsten nicht umgehen und greifen zu Alkohol oder anderen Substanzen.“

Oder flüchten sich in eine virtuelle Welt: Laut Angaben der Fachstelle für Suchtprävention NÖ gab es schon im ersten Lockdown 2020 eine deutliche Zunahme im Bereich Online-Gaming.

Dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzt und Risiken der Sucht birgt, schließt auch Gerstl nicht aus. „Wie beim Alkohol ist es auch beim Online-Gaming und insbesondere beim Online-Glücksspiel so, dass Betroffene schnell in diesem Rad drin sind: Je mehr Verluste sie machen, desto größer wird der Drang, weiterzuspielen. Gleichzeitig bekommt man aber eine punktuelle, rasch spürbare Belohnung“, sagt sie. Der Übergang zur Sucht – egal welcher Art – sei grundsätzlich fließend

Heimlich aus der Rumflasche getrunken

Auch Susi begann einst zu trinken, um mit Problemen klarzukommen. Sie war damals 14 Jahre alt. „Ich komme aus einer absoluten Nichttrinker-Familie, aber meine Mutter hatte hochprozentigen Rum zum Backen zu Hause. Wenn der Druck durch die Schule oder das Elternhaus zu groß wurde, stand ich nachts auf und trank heimlich von der Rumflasche. Danach konnte ich einschlafen“, erzählt sie. „15 Jahre später war ich am Ende“, sagt sie.

Erst bei den AA lernte sie, manche Dinge einfach so zu nehmen, wie sie sind. „Und ich habe wirklich schwierige Zeiten und Schicksalsschläge hinter mir“, sagt sie und erzählt von ihrer Scheidung, dem Tod ihres zweiten Mannes und dem Verlust der Eltern. „Aber ich bin trocken geblieben. Die Freunde bei den AA haben mich aufgefangen.“

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