Rätsel um den Agnes-Leuchter: Forschung trifft Hochmittelalter

Ein neues Forschungsprojekt soll klären, woher das Material des fast 900 Jahre alten Leuchters stammt.
Mathias Mehofer und Wolfgang Christian Huber untersuchen den historischen Agnes-Leuchter im Stift Klosterneuburg mit moderner Messtechnik und einem wiederentdeckten Fragment.

Von Laura Pusker

Er ist mehr als vier Meter hoch, fast 900 Jahre alt und eines der bedeutendsten mittelalterlichen Metallkunstwerke Österreichs: der sogenannte Agnes-Leuchter im Stift Klosterneuburg. Trotz seiner historischen Bedeutung sind Herkunft und Herstellung des mehr als vier Meter hohen Leuchters bis heute ungeklärt.

Der siebenarmige Leuchter entstand um 1130 n. Chr. und ist eng mit dem Babenberger Markgrafen Leopold III. und seiner Frau Agnes verbunden. Der Legende nach wurde an jener Stelle, an der Agnes’ verlorener Brautschleier wiedergefunden wurde, das Stift gegründet. Agnes war eine politisch einflussreiche Persönlichkeit ihrer Zeit. Im Leuchter sollen sich einmal Reste jenes Holzes befunden haben, an dem sich der Schleier verfing. Der Leuchter gilt damit als zentrales Symbol niederösterreichischer Geschichte.

Bislang beschäftigte sich die Forschung vor allem mit Stilfragen. Ob der Leuchter jedoch vor Ort gefertigt wurde oder aus einer Werkstatt in Norditalien oder dem heutigen Deutschland stammt, ist offen. Dieser Frage widmet sich nun ein Forschungsteam unter der Leitung des Materialwissenschaftlers Mathias Mehofer (VIAS, Hist.-Kulturwissenschaftliche Fakultät, Universität Wien) nach. Gemeinsam mit seinem Projektpartner Wolfgang Christian Huber vom Stift Klosterneuburg untersucht er mit Expertinnen und Experten aus Archäologie, Naturwissenschaft, Kunstgeschichte und Restaurierung dieses bedeutende Werk mittelalterlicher Metallkunst.

Das auf mehrere Jahre angelegte Projekt wird durch das Land Niederösterreich gefördert und von der Universität Wien gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern umgesetzt.


Mit modernen Methoden wie Röntgenfluoreszenzanalysen, Rasterelektronenmikroskopie und Isotopenuntersuchungen soll geklärt werden, aus welchen Metallen der Leuchter besteht und woher das verwendete Kupfer stammt. Selbst bei recyceltem Metall lassen sich noch Rückschlüsse auf mittelalterliche Produktionstechniken oder Handelsnetzwerke ziehen.

„Nach so langer Zeit können wir nun erstmals konkret untersuchen, woher das Material des Agnesleuchters stammt“, erklärt Mehofer.

Der siebenarmige Agnes-Leuchter aus dem 12. Jahrhundert steht vor bunten Glasfenstern im Stift Klosterneuburg.

Sensationsfund nach Jahrzehnten

Besonders wichtig für das Projekt ist die Wiederentdeckung eines originalen Leuchterteils, das seit einer Restaurierung in den 1970er-Jahren als verschollen galt. Dieses Fragment kann in verschiedenen Labors untersucht werden, im Gegensatz zum fest installierten Leuchter selbst, und ermöglicht präzisere Analysen.

Erste Untersuchungen zeigten bereits, wie schwierig die Forschung ist. Oberflächenanalysen wurden durch frühere Restaurierungen verfälscht. Zinkspuren etwa stammen nicht aus dem Mittelalter, sondern vermutlich aus späteren Eingriffen. Ohne tiefergehende Analysen könnte das Material daher falsch interpretiert werden.

„An einigen Stellen lassen sich die Restaurierungsarbeiten sogar mit bloßem Auge erkennen“, erzählt Mehofer. Auch diese Bereiche werden nun genauer untersucht.

Neben den Materialanalysen entstehen hochauflösende 3D-Modelle des Leuchters. Diese sollen nicht nur der Forschung dienen, sondern auch helfen, den Zustand des Objekts langfristig zu überwachen, ein wichtiger Aspekt angesichts von zunehmendem Tourismus und klimatischen Veränderungen.

Das Projekt verspricht neue Einblicke in die technische Kompetenz mittelalterlicher Metallgießer und könnte klären, ob eines der wichtigsten Kunstwerke Niederösterreichs tatsächlich hier entstanden ist oder aus einer Werkstatt außerhalb der Region stammt.

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