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Chronik Niederösterreich
11/18/2020

Prozess um Pflegeskandal: „Werden Bewohnern Teufel austreiben“

Zeugin berichtete bei dem Prozess in St. Pölten von Übergriffen im Heim, die Angeklagten weisen Vorwürfe zurück.

von Johannes Weichhart

Spätestens als Rechtsanwalt Stefan Gloß am Mittwoch neue Beweisanträge im Umfang von zehn A4-Seiten zu verlesen begann, war klar, dass die Aufarbeitung des Pflegeskandals von Kirchstetten in Niederösterreich auch noch im kommenden Jahr weitergehen wird. Seit mehr als vier Jahren wird nun schon in der Causa ermittelt.

"Lange genug geschwiegen"

Bevor der Prozess vertagt wurde, waren mehrere Zeugen am Wort. Unter anderem wurde eine ehemalige Kollegin der vier Angeklagten (im Alter von 30 bis 56 Jahren) befragt. Wie berichtet, wird dem Quartett vorgeworfen, dass sie Heimbewohner gequält und vernachlässigt haben sollen. Auch der Verdacht des sexuellen Missbrauchs steht im Raum. Im Fall einer Verurteilung drohen bis zu zehn Jahre Haft.

„Ich habe lange genug geschwiegen“, sagte die 46-jährige Zeugin. Schließlich habe sie sich aber doch entschieden, „den Spieß umzudrehen“ und die Missstände ans Licht zu bringen. Davor will sie Beweismaterial in einer dienstlichen WhatsApp-Gruppe gesammelt haben. Als Pflegehelferin hatte sie zunächst auf einer anderen Station begonnen, im Februar 2016 wechselte sie auf jene Abteilung, in der auch die vier nun Angeklagten tätig waren.

Bereits nach rund einer Woche habe sie vor allem im Umgangston einen großen Unterschied gemerkt. So sei sie etwa von den Beschuldigten darauf hingewiesen worden, „dass bei uns Zucht und Ordnung herrscht“. Den Bewohnern werde man „schon den Teufel austreiben“. „Es sind Sachen gefallen, die man normal nicht in den Mund nimmt“, bekräftigte die 46-Jährige.

Ausreden

Auch in Sachen Pflege sei vieles alles andere als lupenrein zugegangen, berichtete sie von diversen Übergriffen. Hämatome am Körper der Bewohner seien nicht immer dokumentiert worden, u. a. auf Anweisung des angeklagten 30-Jährigen. „Papier ist geduldig“, resümierte die Befragte. Besorgten Angehörigen seien immer wieder Ausreden aufgetischt worden.

Zur dienstlichen WhatsApp-Gruppe, in der Obszönitäten ausgetauscht wurden, war sie im Sommer 2016 hinzugefügt worden. „Ich habe voll mitgespielt in diesem Chat“, gab die Zeugin zu. „Weil mir klar war, nur so kann ich Beweise sammeln.“

Angebliche Einschüchterungsversuche

Das Aufzeigen des Geschehens habe sie sich längere Zeit nicht getraut. „Aber irgendwann kann man nicht mehr“, blickte die 46-Jährige zurück. Trotz Einschüchterungsversuchen der Beschuldigten habe sie sich schließlich an einen Vorgesetzten gewendet, danach seien die Ermittlungen ins Rollen gekommen.

Bislang beteuerten die vier Angeklagten ihre Unschuld. In dem Prozess wurde in den vergangenen Wochen auch entlastendes Material präsentiert. Ab Jänner werden weitere Zeugen und Sachverständige zu Wort kommen.

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