Chronik | Niederösterreich
07.05.2018

Nach Bluttat in Asylunterkunft: Mehr Geld für Betreuung

Die Einrichtung übte jahrelang Kritik. Landesrat verspricht mehr Mittel für psychisch Kranke

„Das, was passiert ist, war absehbar“, sagt eine Helferin (Name der Redaktion bekannt), die die Flüchtlinge in der Unterkunft St. Gabriel in Maria Enzersdorf (NÖ) betreut. Nach der Bluttat, bei der ein 25-Jähriger aus Nigeria einen Mitbewohner getötet haben soll, werden immer mehr Details bekannt. So soll Terry A. Ende 2017 wegen religiöser Wahnvorstellungen auf einer Psychiatrie untergebracht gewesen sein. Im Februar wurde er nach einer gutachterlichen Einschätzung nach St. Gabriel verlegt.

Dass es in Österreich massive Mängel bei der Versorgung psychisch kranker Asylwerber gibt, ist bekannt. Schon 2016 – nach dem Fall Brunnenmarkt, bei dem ein psychisch Kranker aus Kenia in Wien eine Frau erschlagen hatte – schrien Mitarbeiter in St. Gabriel und auch Volksanwalt Günther Kräuter auf. Finanzierung und Personal seien nicht ausreichend (siehe Interview unten). Geändert soll sich bis zu dem Mord nichts haben. Am Freitag soll nun eine Krisensitzung mit Experten des Landes Niederösterreich und Vertretern der Einrichtung stattfinden, erklärt Landesrat Gottfried Waldhäusl. „Unter meinem Vorgänger wurde um mehr Geld angesucht, das in keinster Weise erledigt worden ist.“ Waldhäusl bot 50.000 bis 70.000 Euro an Sonderunterstützung an. Der genaue Finanzbedarf werde erhoben.

Psychose

A. selbst war als aggressiv bekannt. Der 25-jährige Nigerianer hatte am 17. Februar 2016 einen Asylantrag gestellt. Wenige Wochen später wurde er straffällig. 2016 und im Februar 2018 wurde er wegen Drogendelikten verurteilt; zwei Mal saß er in Schubhaft. Doch er kam wieder auf freiem Fuß. Trotz negativer Asylentscheidungen war sein Verfahren noch nicht angeschlossen.

Doch Terry A. war auch psychisch krank. KURIER-Infos zufolge soll er an einer drogeninduzierten Psychose gelitten haben. Als er in die Psychiatrie eingeliefert wurde, will er die Stimme Jesu gehört haben. Noch im März habe es bei einer Untersuchung keinen Hinweis auf eine akute Gefährdung gegeben, heißt es. Die Polizei, die am 1. Mai ein Betretungsverbot über A. verhängt hatte, weil er außerhalb der Asylunterkunft zwei Afghanen niedergeschlagen und verletzt hatte, stellte kein Gefährdungspotential fest. Ein Amtsarzt wurde nicht beigezogen. Stattdessen erhielt A. Adressen anderer Unterkünfte. In der Nacht auf Donnerstag dürfte er dann durch ein offenes Fenster in St. Gabriel eingestiegen sein und einen 26-Jährigen aus Bangladesch mit einem Meißel attackiert haben. Der Mann wurde von einer Mitarbeiterin tot aufgefunden. Er wies schwere Stich und Schnittverletzungen im Halsbereich auf. Terry A. wurde am Donnerstagnachmittag festgenommen, weil er auf einem Spielplatz auf Bäume einstach und Zeugen die Polizei alarmierten. Blutspuren am Schuh überführten ihn schließlich. Er sitzt in U-Haft.

Für viele in St. Gabriel war die Tat keine Überraschung: In der Unterkunft leben 50 Personen, die psychisch oder körperlich beeinträchtigt sind. Zwei Psychologen, zwei Sozialarbeiter und eine Krankenschwester kümmern sich um sie. Dazu kommt ein Psychiater, der alle zwei bis drei Wochen die Klienten betreut. Zu wenig. „Wir waren schon lange mit dem Land in Gespräch, dass es mehr Personal braucht“, bestätigt eine Sprecherin der Unterkunft.

Die Helferin berichtet von Vorfällen, bei denen sich Bewohner aus dem Fenster stürzen wollten, androhten sich selbst anzuzünden und dies dann auch taten. „Das System ist das Problem“, sagt die Helferin. Über jeden einzelnen Vorfall ist das Land informiert worden, wird dem KURIER bestätigt. Auch Anzeigen wurden bei Drogendelikten oder Gewalttätigkeiten erstattet. Das Problem sei, dass die 44 Euro, die das Land pro Tag und Person an die Einrichtung zahle, für eine gute Versorgung nicht ausreiche. Werden Betroffene auf die Psychiatrie gebracht, falle sogar dieser Tagsatz weg. Stattdessen zahl das Land nur eine geringere "Bettfreihaltegebühr". Der Aufwand für die Mitarbeiter steige aber allein durch die Nachbehandlung, so ein Insider. Um Leute überhaupt zu beschäftigen, ihnen eine Tagesstruktur zu geben brauche es mehr Personal. Zumindest die finanzielle Situation könnte sich bessern. „Es wird eine Lösung geben“, sagt Waldhäusl.

Das fordert auch Volksanwalt Kräuter: "Qualifizierte psychiatrische Versorgung muss man finanzieren. Es leben nun einmal auch traumatisierte Flüchtlinge bei uns. Es braucht ein politisches Bekenntnis, dass es diese Menschen gibt."

Dass dringend Handlungsbedarf besteht, bestätigt der Verein Hemayat, der traumatisierte Flüchtlinge betreut. 1309 Menschen betreuten die Mitarbeiter im Vorjahr, dennoch stehen 415 Hilfesuchende auf der Warteliste. „Es ist verheerend, die Leute hängen zu lassen“, sagt Geschäftsführerin Cecilia Heiss. „Es wird immer schwieriger sie zu behandeln, die Erkrankung chronifiziert. Aus einer posttraumatischen Belastungsstörung wird dann eine Persönlichkeitsstörung.“ Problematisch sei auch, dass Traumata in der Familie „weitergegeben“ werden. Generell gebe es zu wenig Psychotherapie, für Asylwerber komme die Sprachbarriere erschwerend hinzu, betont sie.

 

Volksanwalt Kräuter  fordert psychiatrische Betreuung bei Wegweisung

 

KURIER: Sie haben im Jahr  2016 St. Gabriel besucht. Was ist seither passiert?
Günther Kräuter: Im November 2016 hat eine Expertenkommission der Volksanwaltschaft die Einrichtung besucht. Wir haben dem Land mitgeteilt, dass die psychiatrische Betreuung nicht ausreicht. Leider hat sich offenbar nichts geändert.

Welche Probleme sehen Sie?
Dass bei einem Betretungsverbot nicht auf die besondere Situation psychisch Kranker eingegangen wird. Hier  sind die Vorschriften nicht ausreichend, da gibt es eine gesetzliche Lücke. Das System muss endlich aus den Brunnenmarkt-Erfahrungen lernen. Es gibt hier mehr als ein Dutzend Empfehlungen, die sich mit den Defiziten im System beschäftigen. Der Fall ist mit großem Aufwand analysiert worden. Es nutzt aber nichts, wenn kein politisches Handeln folgt. Dabei gibt es österreichweit hunderte psychisch Kranke, einige mit Gefährdungspotenzial.

Was fordern Sie konkret?
Bei einer Wegweisung muss es bei Gefährdungspotenzial begleitend eine psychiatrische Betreuung geben. Staatsanwalt und Polizei müssen enger mit psychiatrischen Diensten kooperieren. Die Tagsätze für Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf (44 € pro Person, Anm.) müssen erhöht werden. Bei psychisch Kranken sollte ein Case-Management Standard sein.