Chronik | Niederösterreich
19.11.2017

Mühsamer Weg der Integration

Freiwillige orten viele Hürden / Rotes Kreuz stellt Forderungen an Regierungsverhandler.

Seit Dezember 2015 lebten Flüchtlinge im Quartier Henry Dunant (QHD) auf dem Gelände des Flughafens Wien-Schwechat. 350 waren es zu Spitzenzeiten, 150 zum Schluss. Sie kommen vor allem aus Afghanistan und dem Iran, einige wenige aus Syrien und dem Irak. Seit 1. November ist das Containerdorf leer: Der Bund hat das Quartier vom Land NÖ übernommen. Künftig soll es als Rückkehrzentrum dienen.

Jene Flüchtlinge, die bis dahin dort untergebracht waren, wurden in andere Unterkünfte in Niederösterreich überstellt. "Mit dem Quartier waren wir nie glücklich", sagt Paul Haschka, grüner Gemeinderat in Schwechat und ehrenamtlicher Helfer. "Aber jetzt wissen wir, dass es noch schlechter geht."

Denn durch die Übersiedlung fallen viele Bewohner um ihre Plätze in Deutsch- oder Basisbildungskursen (zur Vorbereitung auf den Plichtschulabschluss, Anm.) um. Das hat Haschka nun in einem Offenen Brief an die nö. Landesregierung kritisiert: "Die mühsam erreichten Integrationsschritte werden abgebrochen", sagt Haschka. Die Kursplätze hätten sich die Geflüchteten oft selbst organisiert, dafür seien sie vor allem nach Wien gefahren. Jetzt müssten sie diese Plätze widerwillig freimachen. "Aber Basisbildungskurse gibt es Niederösterreich gar nicht", so Haschka.

Selbstständigkeit

Auch zwei Jahre, nachdem Tausende Flüchtlinge nach Österreich gekommen sind, ist deren Integration ein schwieriges Unterfangen. Aber weniger wegen der Geflüchteten, als wegen unnötiger Hürden der Behörden, bemängeln Freiwillige. Wie Integration gelingen kann, darüber diskutieren morgen, Dienstag, Helfer und Experten im KURIER-Gespräch im Raiffeisenhaus mit Sandra Baierl (siehe unten).

Paul Haschka etwa kritisiert, dass die Asylwerber aus Schwechat nun vom Ballungsraum in teils abgeschiedene ehemalige Gasthöfe in Niederösterreich übersiedelt wurden. Dort leben sie im Rahmen der Grundversorgung mit Vollpension, in Schwechat konnten sie selbst kochen.

"Da werden Menschen zur Unselbstständigkeit gezwungen", sagt Haschkas Schwester Veronika, die sich freiwillig bei Connect:Mödling engagiert. Der Verein bemüht sich um ein gutes Zusammenleben zwischen Mödlingern und Flüchtlingen, die dort leben.

Doch auch das stellt die Helfer vor Herausforderungen. "Viele Jugendliche haben Angst vor der Abschiebung", sagt Haschka. "Das beeinträchtigt sie im Lernen."

Schreiben an Parteien

Haschka sieht auch ein Problem in der in den Bundesländern unterschiedlichen Höhe der Mindestsicherung. "Ein Flüchtling muss aus Niederösterreich wegziehen, wenn er hier nicht genug Geld zum Leben bekommt und in Wien schon." Das sei nachvollziehbar, aber nicht förderlich für die Integration. "Die Unterstützung der Freiwilligen, die er schon kennt, fehlt dann."

Dass die Integration der Geflüchteten noch nicht reibungslos abläuft, bestätigt auch Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer. Er verschickte nun einen Forderungskatalog an die Koalitionsverhandler – darin enthalten ist der Auftrag an die künftige Regierung, eine bundesweit einheitliche Mindestsicherung zu schaffen. Schöpfer schwebt eine Kombination aus Geld und Sachleistungen vor. Er spricht sich auch für die Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylwerber aus – und zwar nach drei Monaten. Sie "zum Nichtstun zu verurteilen" bringe nichts.

Die Familienzusammenführung sei zwar "unpopulär", aber "für eine gelingende Integration wichtig", meint Schöpfer. Die Frist, wonach subsidiär Schutzberechtigte erst nach drei Jahren einen solchen Antrag stellen können, müsse aufgehoben werden. Vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe II bedürfe es eines durchgehenden Sprachkonzepts, außerdem sei eine Evaluierung des verpflichtenden Integrationsjahres erforderlich. Man müsse sich anschauen, ob die gewünschten Erfolge auch erzielt wurden.

Schöpfer hofft, dass die Forderungen berücksichtigt werden. "Integration ist das zentrale politische Thema. Wir müssen darauf achten, dass keine Parallelgesellschaften entstehen."