Mörder wird Friseur

Gerasdorf: In der Jugendstrafanstalt soll es zu sexueller Nötigung gekommen sein. Wie leben die Häftlinge dort? Ein Lokalaugenschein.

Vier Jugendliche in blauen Arbeitskitteln stehen unter der Hebebühne und schrauben an der Karosserie eines Jeeps. In der Werkstatt daneben streichen zwei Burschen einen Fensterrahmen, und folgt man dem dunklen Korridor, gelangt man in eine kleine, helle Frisierstube.

Insgesamt 16 Lehrwerkstätten reihen sich in Gerasdorf Tür an Tür. Geht man durch den Hinterausgang, steht man vor einer großzügigen Sportanlage. Nur die Gefängnismauer dahinter erinnert die jungen Männer bei jedem Blick daran, wo sie hier sind: in der Jugendstrafanstalt Gerasdorf bei St. Egyden am Steinfeld in Niederösterreich - dem einzigen Jugendgefängnis für männliche Straftäter in Österreich.

"Es wirkt alles sehr friedlich", bestätigt auch Anstaltsleiterin Margitta Neuberger-Essenther den Eindruck, der sich dem Besucher bietet. "Aber vergessen Sie nicht, alleine in der Frisierstube arbeiten drei verurteilte Mörder", sagt die resolute Frau.

Kaum Waffen

Waffen gehören hier nur vereinzelt zur Ausstattung der Wachen. Eine kleine Beule unter dem Freizeithemd des Justizwachebeamten und Mechanikerlehrmeisters Klaus Feyertag lässt auf einen Pfefferspray schließen. Benutzen musste er ihn in den zehn Jahren, die er in Gerasdorf arbeitet, noch nicht.

Horror-Schlagzeilen wie aus der Justizanstalt Josefstadt, wo es im Vorjahr zu gravierenden sexuellen und brutalen Übergriffen zwischen jugendlichen U-Häftlingen gekommen ist, hat man aus Gerasdorf bis vor kurzem nicht vernommen.

Vergangene Woche wurden jedoch Vorwürfe gegen eine Yoga-Lehrerin der Strafanstalt laut, die sich angeblich sexuell an Burschen vergriffen haben soll. Obwohl sich der Verdacht laut Staatsanwaltschaft bisher nicht erhärtet hat, reagierte die Anstaltsleitung sofort und suspendierte die Lehrerin vorläufig vom Dienst.

Kaum Vorfälle

Häfnarbeit: Im Friseursalon, einer von insgesamt 16 Lehrwerkstätten, werken auch drei verurteilte Mörder.
© Bild: GNEDT/KURIER /martin gnedt

Weitere Negativschlagzeilen aus Gerasdorf sucht man vergeblich. Ausbruchsversuche? Der letzte war vor fünf Jahren. Schwere Körperverletzungen? Fehlanzeige, außer kleineren Raufereien gab es in den vergangenen Jahren keine Vorfälle zu vermelden. Einzig, als ein Arzt sich vor wenigen Monaten Nacktbilder von Häftlingen per Handy schicken ließ, geriet Gerasdorf kurzfristig in die Schlagzeilen.

"Gerasdorf ist deshalb vorbildlich, weil die Jugendlichen dort sofort Arbeit in den Lehrwerkstätten haben und in Einzelzellen untergebracht sind", sagt Jugendrichter Norbert Gerstberger. "Das verhindert nicht nur Übergriffe, sondern es ist einfach human, wenn man in der Nacht seine Privatsphäre hat", sagt Gerstberger.

Anstaltsleiterin Neuberger-Essenther beschwört den "Geist von Gerasdorf", wenn sie über den Umgang mit den Insassen redet. "Die Strafe für die Häftlinge zwischen 14 und 27 ist der Freiheitsentzug. Für einen jungen Menschen ist das die schlimmste Strafe. Ich halte nichts von zusätzlicher Strafverschärfung oder einem unfreundlichen Umgang mit ihnen."

Kaum Luxus

Nur als sie den Besuchern das Hallenbad in der Anstalt zeigt, fragt sie den KURIER-Fotografen, ob man das unbedingt fotografieren müsse. "Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass es hier zu gemütlich zuginge", sagt sie. Denn humaner Strafvollzug, das erlebt sie täglich, sei heute nicht mehr gewünscht.

Dabei scheinen derartige Sorgen unbegründet: Das abgestandene Wasser im Becken, der Geruch nach alten Socken in der Halle - und die Tatsache, dass es hier nie Bikini-Mädchen gab und auch nie geben wird, macht es für junge Männer nicht gerade einladend.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011