Chronik | Niederösterreich
26.06.2018

Mariazellerbahn entgleist: Retter konnten nicht zu Opfern

Die Einsatzkräfte wurden wegen der Stromgefahr gebremst, die Garnitur war um 20 km/h zu schnell

38 Minuten. So lange mussten Dutzende Schulkinder und Erwachsene warten, bis sie von den Einsatzkräften nach einem Zugunglück in Völlerndorf in Niederösterreich gerettet werden konnten. Der Grund: Lebensgefahr durch eine herabgestürzte Oberleitung.

Um 7.19 Uhr gingen bei der Feuerwehr und der Rettung die ersten Notrufe ein. Eine Doppelgarnitur der Mariazellerbahn, die auf dem Weg in die Landeshauptstadt St. Pölten unterwegs war, entgleiste kurz nach der Pielachbrücke. Zwei Waggons der „Himmelstreppe“ kippten um, die hintere Garnitur fuhr auf. „Es war ein Riesenglück, dass der Zug nicht über die Brücke in die Tiefe stürzte. Dann hätte es viele Tote geben können“, berichtet ein Helfer.

80 Menschen befanden sich in dem Zug, darunter viele Kinder und Jugendliche. Drei Insassen erlitten schwere Verletzungen, 27 kamen mit Blessuren davon.

Bis Feuerwehr und Rettung mit der Bergung und Erstversorgung der Personen beginnen konnten, verstrich für viele Betroffene eine gefühlte Ewigkeit. Denn bei dem Unfall wurde auch die Oberleitung beschädigt. Der Strom musste erst abgeschaltet und die Erdung von Spezialisten vorgenommen werden. „Die Gefahr, dass sich in der Leitung noch eine Restspannung befinden könnte, ist sehr groß. Deshalb mussten vorher noch diese Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden“, sagt eine Sprecherin des Betreibers der Mariazellerbahn, der nö. Verkehrsorganisationsgesellschaft ( NÖVOG).

Zu schnell

Der Lokführer erlitt bei dem Unfall einen schweren Schock und konnte vorerst noch keine Angaben zum Unfallgeschehen machen. Er und die Zugbegleiterinnen mussten von einem NÖVOG-internen Kriseninterventionsteam betreut werden.

Stunden später stand allerdings bereits fest, dass der Zug zu schnell in die Kurve vor der Brücke eingefahren war. KURIER-Informationen zufolge war die Garnitur mit 55 anstatt der in diesem Bereich erlaubten 35 km/h unterwegs. Nun muss geklärt werden, wie es zu dieser Geschwindigkeitsüberschreitung kam. „Ob technisches oder menschlichen Versagen vorliegt, ist noch Gegenstand von Untersuchungen. Wir bedauern den Unfall zutiefst und entschuldigen uns aufrichtig bei allen Fahrgästen, den Verletzten und deren Angehörigen, Familien und Freunden“, sagte NÖVOG-Geschäftsführer Gerhard Stindl. Zur Erhebung der Ursache waren Sachverständige und Spezialisten des nö. Landeskriminalamts angefordert worden.

Wie lange die Streckensperre zwischen St. Pölten Hauptbahnhof und Hofstetten-Grünau dauern werde, steht noch nicht fest. Ein Schienenersatzverkehr mit Bussen wurde eingerichtet.

Schwarzer Tag

Nur wenige Stunden nach dem Zugunglück kam es in Waidhofen an der Ybbs, NÖ, erneut zu einem folgenschweren Bahnunfall. Im Stadtteil Vogelsang war kurz vor 11.30 Uhr auf einem unbeschrankten Bahnübergang ein Zug der Citybahn, die ebenfalls von der NÖVOG betrieben wird, mit einem Pkw kollidiert. Bei dem Wagen handelte es sich um den Dienstwagen des Waidhofener Bürgermeisters Werner Krammer. Er und Vizebürgermeister Martin Reifecker sowie eine Magistratsmitarbeiterin saßen im Auto.

Der Pkw wurde von einer Triebwagengarnitur erfasst, 50 Meter mitgeschoben und dann in den Bahngraben gestoßen. Feuerwehrleute mussten zwei eingeklemmte Personen mit Bergegeräten aus dem Pkw-Wrack befreien. Alle drei Beteiligen wurden ins Spital eingeliefert. Wie die Stadt Dienstagnachmittag bekannt gab, dürften die Unfallopfer großes Glück gehabt haben und nicht lebensgefährlich verletzt worden sein. Stadtchef Krammer soll einen Rippenbruch, seine Mitarbeiterin Verletzungen im Beckenbereich erlitten haben. Vizebürgermeister Reifecker konnte das Spital bereits wieder verlassen.

  • Die KURIER-News vom 26. Juni: