Machtwort von NÖ Bildungsdirektor: Nur noch zwei Geschlechter zur Wahl
Das Vertrauen in das heimische Schulsystem ist größer, als man immer wieder hört. Das ergab eine KURIER-Umfrage zum Thema Bildung, an der sich 22.000 Leserinnen und Leser beteiligten. Dieses positive Stimmungsbild findet sich zum Großteil auch in Niederösterreich wieder und wird durch Fakten untermauert.
So werden zurzeit 210.000 Schüler von rund 22.000 Lehrkräften unterrichtet. Damit könne jede Klasse besetzt werden, obwohl es regionale Herausforderungen gebe, so Bildungsdirektor Karl Fritthum im KURIER-Gespräch. Da und dort sei die Personaldecke dünn, von einem Personalmangel könne aber keine Rede sein.
Statistisch gesehen kommen auf jede Ausschreibung zwei Bewerber. Fritthum würde sich aber eine bessere Steuerung und Beratung bei den Studierenden wünschen, weil es in mehreren Fächern wie etwa Chemie, Musik oder Sport ein Vakuum gebe.
Chemiker im Schulwesen
Ein wenig können diese Lücken durch 100 Quereinsteiger pro Jahr aufgefangen werden. Mit einem fertigen Studium und einer fünfjährigen Erfahrung in bestimmten Bereichen werden so etwa Chemiker ins Schulwesen übernommen oder Manager mit WU-Abschluss in Handelsakademien eingesetzt. Im Laufe des ersten Jahres kommt die pädagogische Ausbildung hinzu.
Karl Fritthum ist seit 2022 Bildungsdirektor in Niederösterreich.
"Keine Insel der Seeligen“
So wie die Postenbesetzungen stellen auch die 142 Deutschförderklassen in Niederösterreich eine Herausforderung dar. Obwohl die Organisation funktioniert, wird das Schulsystem insgesamt bei der Umsetzung des Lehrplans in Klassen mit höherem Ausländeranteil auf die Probe gestellt.
"Je weniger Deutsch als Muttersprache in der Klasse verankert ist, desto schwieriger wird es. Wir sind keine Insel der Seeligen“, sieht Fritthum „Hotspots“ in St. Pölten und Wiener Neustadt. Die Schule sei da der Spiegel der Gesellschaft. Dies den Schulen dann vorzuwerfen, dagegen verwehrt sich Niederösterreichs Bildungsdirektor. Kritisch merkt er diesbezüglich an, „dass Bildungsdebatten stets von Wien aus geführt werden“. Jedes Bundesland habe aber andere Voraussetzungen.
Sieben Geschlechter zur Auswahl
Vor wenigen Wochen sorgte ein Anmeldeformular in einer Volksschule mit sieben Geschlechtern zum Ankreuzen für heftige Irritationen unter den betroffenen Eltern. Der Direktorin in Absdorf im Bezirk Tulln konnte aufgrund gesetzlicher Regelungen rechtlich kein Vorwurf gemacht werden.
In Zukunft gibt es aber laut Karl Fritthum an allen niederösterreichischen Schulen „die Empfehlung“ der Bildungsdirektion, im Normalfall nur mehr zwei Geschlechter zum Ankreuzen anzuführen. Wenn notwendig, könne die Geschlechterfrage in persönlichen Gesprächen geklärt werden.
Auch die Themen Gewalt in der Schule und verhaltensauffällige Schüler lassen die Emotionen hochgehen. In Wiener Neustadt und Ziersdorf sorgten zuletzt bewaffnete Schüler für gefährliche Situationen.
Abstimmung mit Polizei
Der Bildungsdirektion wurde daraufhin vorgeworfen, nicht sofort aktiv geworden zu sein und die Eltern zum Beispiel in einer Schule in Wiener Neustadt nicht umgehend informiert zu haben.
Das sei nur in engster Abstimmung mit der Landespolizeidirektion und nach lückenloser Aufklärung möglich, so Fritthum. Erst nach gesicherter Information könne die Bildungsdirektion ab der eingehenden Meldung "zu Tages- und Nachtzeit reagieren“. Die Kooperation mit der Polizei funktioniere jedenfalls "hervorragend“. Wie in Polizeikreisen angeführt wird, sind in diesem Zusammenhang vor allem Nachahmungstäter und das Schüren von Panik in den sozialen Medien eine zusätzliche, nicht zu unterschätzende Gefahr. Das mache das Thema noch sensibler.
Ein weiteres Problem stellt die Zunahme von verhaltensauffälligen Schülern aufgrund des Bildschirmkonsums im frühen Kindesalter dar. "Wir können einen Beitrag zur Erziehung leisten, der Großteil der Erziehung muss aber im Elternhaus passieren“, hofft Fritthum auf die Umsetzung des Regierungsprogramms, damit Eltern, die kontinuierlich Gespräche verweigern, mit Verwaltungsstrafen belegt werden können. So wie beim nun beschlossenen Kopftuchverbot auch.
NÖ: "Für Sonderschulen“
Trotz der Kritik von nationalen und internationalen Behindertenvertretern und dazu auch von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) wird in Niederösterreich so wie in anderen Bundesländern an Sonderschulen festgehalten.
Österreich hat sich zwar im Jahr 2008 im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention zur Inklusion verpflichtet, die Sonderschule stehe aber weiter als Schulform im Gesetz, ist Bildungsdirektor Fritthum der Meinung, dass vieles für die Sonderschulen spreche.
"Schüler mit speziellem Förderbedarf gehen in einem großen Klassenverband zumeist unter.“ Auch wenn Gegner von einem „System der Ausgrenzung“ sprechen, will Niederösterreichs Bildungsdirektor auch weiterhin auf ausführliche und klärende Gespräche mit den Eltern setzen, "um in den meisten Fällen im Einklang Entscheidungen treffen zu können“.
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