Schutz für Jahrhunderte: Wie Niederösterreichs Gedächtnis überdauert
Um als Restauratorin zu arbeiten hat Gattringer unter anderem fünf Jahre an der Akademie der Bildenden Künste studiert.
Behutsam schlägt Christa Gattringer den Deckel aus Schildpatt zurück. Hinter dem seidengefütterten Einband kommen vergilbte Seiten zum Vorschein, bedeckt von einer filigranen Handschrift. Das in alterungsbeständiges Papier und Karton gebettete Buch in ihren Händen wurde etwa im 19. Jahrhundert geschrieben und ist nur eines von Tausenden Schriftstücken, denen sie in ihrer Arbeitszeit begegnet.
Als Papierrestauratorin der Landesbibliothek und des Landesarchivs Niederösterreich widmet sich Gattringer dem Erhalt unterschiedlichster Werke. Neben Büchern, Urkunden oder Akten landen auch Landkarten und Flugblätter unter Lupe sowie Mikroskop. Die Bestände der beiden Sammlungen bewahren das historische, kulturelle und geistige Gedächtnis des Landes. Gattringer und ihre Kollegin Elisa Dietrich sowie ihr Kollege Martin Havranek sorgen dafür, dass es so bleibt.
Schutzausrüstung
Beim Untersuchen der Objekte trägt Gattringer Handschuhe. Diese schützen nicht nur den Gegenstand, sondern auch die Restauratorin selbst: "Man weiß nicht immer, was Generationen vor uns mit den Sammlungen gemacht haben." So könnte etwa ein früherer Schädlingsbefall begast worden sein und Rückstände auf den Seiten hinterlassen haben. Zudem halten die Handschuhe wasserlösliche Schwermetalle ab, die etwa beim Färben von Einbänden oder Buchschnitten zum Einsatz kamen. Je nach Gegenstand und Tätigkeit können Maske und Mantel die Schutzausrüstung ergänzen.
Dieses Buch soll weitere Jahrhunderte überdauern.
Das Restaurieren selbst ist jedoch nur ein Bruchstück ihres Berufs. "Der wichtigste Bestandteil unserer Arbeit ist eigentlich, zu schauen, dass wir keine Arbeit haben", so Gattringer. Ziel ist es, die Objekte auf eine Art zu erhalten, die neue Schäden verhindert und Reparaturen gar nicht erst notwendig macht. Entscheidend sind dabei vor allem präventive, bestandserhaltende Konservierungsmaßnahmen – wie das passende Klima und Licht im Depot sowie bei Ausstellungen, die richtige Lagerung und Verpackung der Schriftstücke oder ein regelmäßiges Insektenmonitoring.
Eingriffe an den Objekten selbst finden erst statt, wenn sie nicht mehr verwendet werden können, ohne Schaden zu nehmen. Die Ästhetik ist, vor allem bei der Restaurierung von Archivmaterialien, Nebensache: "Uns geht es vor allem darum, die Dinge zu erhalten und benutzbar zu machen. Das ist das Wichtigste." Im Idealfall überdauern die Schriftstücke durch die Arbeit der Restauratorinnen und Restauratoren lange Zeiten. "Jahrhunderte sind der Rahmen, in dem wir denken", so Gattringer.
Detektivarbeit
Viele Gebrauchsspuren entstehen oft unbeabsichtigt, erzählt Gattringer. Wie kleine Einrisse an der Oberkante des Buchrückens, die sich durch das Herausziehen eines Buchs aus dem Regal bilden können. Reparaturen dieser Art seien für sie und ihre Kollegin Elisa Dietrich sowie ihren Kollegen Martin Havranek, die für das Buchbinden bzw. die Buchrestaurierung zuständig sind, schnell umzusetzen. "Und dann gibt es noch Schäden, da braucht es Planung, bevor man überhaupt ins Tun kommt. Ein Konzept, wie restauriert wird."
Wie lange die Arbeit an einem Objekt dauert, kann Gattringer nicht pauschal beantworten. Jedes Schriftstück ist ein Einzelfall und bringt eine individuelle Geschichte mit: "Unsere Arbeit ist oft eine Detektivarbeit, eine sehr spannende." Der Erhalt von Büchern ist für Gattringer mehr als ein Beruf. Das ist ihr anzuhören, wenn sie über ihre Arbeit spricht und darüber, wie es sich anfühlt, das Gedächtnis des Landes zu erhalten.
Kommentare