Chronik | Niederösterreich
09.12.2011

Kaum Kassenplätze für Ergotherapie

Plätze für Ergotherapie gibt es nur mit langen Wartezeiten. Der Berufsverband spricht von einer Unterversorgung.

Die Plätze sind rar, die Wartelisten lang und die Selbstbehalte hoch. Wer einen Platz für Ergotherapie braucht, muss in Niederösterreich bis zu einem Jahr Wartezeit in Kauf nehmen; auch dann, wenn eine Therapie schon dringend notwendig wäre. Kinder würden oft erst knapp vor Schulbeginn zur Behandlung drankommen: "Wir haben dann aber auch keinen Zauberstab und können das Kind in vier Monaten auf Schulreife bringen", erklärt Marion Hackl, Präsidentin von ERGO Austria, die aktuelle Situation in NÖ.

Aufnahmestopp

Im interdisziplinären Ambulatorium Sonnenschein in St. Pölten herrscht derzeit Aufnahmesperre. Erstuntersuchungen können erst wieder ab März 2012 angeboten werden. "In dringenden Fällen", so wird auf der Homepage verwiesen, soll man sich an einen Facharzt wenden. Sonja Gobara, ärztliche Leiterin des Ambulatoriums, spricht von einer "Not an der Versorgungsfront", die Situation sei "eine Katastrophe."

Nicht weniger als 972 (Stand 28. November 2011) nachgefragte Therapieplätze gibt es aktuell im Ambulatorium. Nicht in allen Fällen könne eine zeitgerechte Unterstützung in der Entwicklung zur Verfügung gestellt werden. "Wir können die Kinder, die wir abweisen müssen, nicht einmal zu den niedergelassen Therapeuten schicken. Dort sind die Wartelisten genauso lang und die Selbstbehalte sehr hoch", kritisiert Gobara.

Selbstbehalte

65 bis 75 Euro muss man für eine Stunde Ergotherapie hinblättern. Für eine Therapie mit zehn Einheiten ist daher mit monatliche Kosten von rund 250 Euro zu rechnen. Pro Stunde zahlt die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse (NÖGKK) 19,80 Euro dazu. Nicht gerade viel, wie die Therapeuten meinen: "Und trotzdem sind die Eltern bereit, das zu zahlen und lange Anfahrtswege auf sich zu nehmen", sagt Hackl.

In der Gemeinschaftspraxis in St. Pölten, wo Hackl als Ergotherapeutin arbeitet, muss man zurzeit knapp ein Jahr auf einen Therapieplatz warten. "Die Patienten haben keine Wahlmöglichkeit. Die Situation ist überall so ähnlich", meint Hackl.

Sie fordert Kassenplätze für niedergelassene Therapeuten. Doch die Verhandlungen mit der NÖGKK sind bislang gescheitert. Eineinhalb Jahre habe man auf einen Termin gewartet.
Jan Pazourek, Generaldirektor der NÖGKK verstehe zwar den "legitimen Wunsch der Berufsgruppe", könne aber aktuell keine neuen Vertragsplätze schaffen. Er wolle zuerst klären, "welche Zielgruppe welchen Bedarf hat", dann wolle er über die Angebotsform entscheiden. Pazourek könne sich vorstellen, die Vertragstarife für bestehende Ambulatorien (Land und NÖGKK teilen sich hier die Kosten) zu erhöhen, wenn auch das Land bereit ist, mehr zu investieren. "Jetzt schon Geld in die Hand nehmen, um dann festzustellen, der Bedarf liegt ganz woanders", will Pazourek nicht.

Ergotherapie: Mit Bewegung gesunden

Laut Berufsverband ERGO Austria geht die Ergotherapie davon aus, dass das Aktiv-Sein an sich heilende Wirkung hat. Ergotherapie dient Menschen aller Altersgruppen und behandelt physische, psychische oder soziale Beeinträchtigungen, die infolge von Krankheiten, Unfällen oder Entwicklungsstörungen aufgetreten sind. Durch Training oder Beratung helfen die Therapeuten bei Schwierigkeiten zur Bewältigung der Alltags- und Arbeitssituation. Konkret helfen sie bei Entwicklungsstörungen, Lern- oder Verhaltensproblemen von Kindern, bei Behinderungen, nach Schlaganfällen oder Unfällen.