Chronik | Niederösterreich
09.09.2017

Junger Kicker darf doch elf Jahre alt sein

Reza Hossaini hatte Spielverbot für die U12, weil Funktionäre sein Alter anzweifelten.

Als die Spieler des Fußballklubs im St. Pöltener Stadtteil Pottenbrunn am Freitagnachmittag zum traditionellen Mannschaftsfoto zusammenkommen, ist die Stimmung gelöst. Alle freuen sich, dass Reza weiterhin mit seinen Freunden kicken darf. Um dies sicherzustellen, war allerdings eine Entscheidung des ÖFB notwendig.

Wie berichtet, durfte der junge Afghane Reza Hossaini zuletzt nicht mehr für die U12 in Pottenbrunn spielen. Trainer gegnerischer Mannschaften hatten beim nö. Fußballverband Beschwerde eingelegt, weil sie der Annahme sind, dass der Asylwerber älter ist, als es in seinem gültigen Dokument steht. Der Verband legte daraufhin fest, dass der Jugendliche am 30. Dezember 2003 in Kabul zur Welt kam. In seiner von der Republik Österreich ausgestellten Asylkarte, die verbindlich für alle Behörden und Institutionen gilt, ist ein anderes Geburtsdatum zu lesen: der 30. Dezember 2005. Eine Geburtsurkunde besitzt Hossaini, wie so viele andere Flüchtlinge, nicht mehr.

Obmann Franz Ederer wollte das nicht hinnehmen und legte beim ÖFB Beschwerde ein. Und siehe da: Der Rechtsmittelsenat hob die Entscheidungen des nö. Landesverbandes nun ersatzlos auf. Sie entsprachen nicht den geltenden Satzungen, wird begründet.

"Ich habe ja gar nicht mehr damit gerechnet", kommentiert ein überraschter Franz Ederer die Entscheidung. "Wir haben alle eine große Freude!" In erster Linie deshalb, weil Reza Schwung in die U12 bringt. "Er fühlt sich pudelwohl bei uns, er motiviert die anderen Kinder und sie haben ihn recht gern." Für den Obmann ist Reza Hossaini ein Beispiel für geglückte Integration. "Teilweise redet er sogar schon im Dialekt", sagt Ederer und schmunzelt.

Vorbild

Er hofft, dass die Entscheidung Vorbildcharakter für andere Vereine hat. Die Causa um den kickenden Flüchtling in Pottenbrunn ist nämlich kein Einzelfall. Inzwischen gibt es in mehreren Vereinen Verstimmungen, weil Beschwerden gegen Altersangaben ausländischer Junior-Kicker eingelegt wurden.

Ederer wünscht sich eine Rückbesinnung aufs Wesentliche: "Die Freude am Sport soll im Vordergrund stehen. Letztlich geht es uns allen doch ums Fußballspielen."

Fußballverband ließ jungen Afghanen "altern"

Die Sonne brennt auf den Sportplatz im St. Pöltener Stadtteil Pottenbrunn, die Burschen und Mädchen des örtlichen Fußballklubs kommen deshalb beim Training schnell auf Betriebstemperatur. "Spiel ab", ruft ein Kicker Reza Hossaini zu. Der schlägt einen Haken, passt zum Stürmer, der Ball baumelt im Netz. Zufrieden beobachtet Trainer Markus Rohn das Treiben, für den gelungenen Pass seines Schützlings Reza Hossaini gibt es ein anerkennendes Nicken.

Der junge stämmige Afghane ist mittlerweile eine feste Größe in dem Team. Für Meisterschaftsspiele "seiner" U12-Mannschaft steht er allerdings nicht mehr zur Verfügung. Denn der niederösterreichische Fußballverband hat festgelegt, dass der Jugendliche am 30. 12. 2003 in Kabul zur Welt kam. In seiner von der Republik Österreich ausgestellten Asylkarte, die verbindlich für alle Behörden und Institutionen gilt, ist ein anderes Geburtsdatum zu lesen: der 30. 12. 2005. Eine Geburtsurkunde besitzt Hossaini, so wie viele andere Flüchtlinge, nicht mehr.

Aber wie kam es nun, dass der Afghane in der Welt des Fußballsports plötzlich um zwei Jahre älter ist, als es die Behörden einst festlegten? Die Verwirrung ist schnell erklärt. Trainer von gegnerischen Mannschaften legten beim Verband Beschwerde ein, weil sie der Annahme sind, dass der Asylwerber älter ist als es in seinem gültigen Dokument steht. Und das reichte für die Änderung aus.

"In der Nacht vor einem Match wurden wir vom Verband darüber informiert, dass das Alter von Reza Hossaini um zwei Jahre hinaufgesetzt wurde. Er konnte deshalb nicht mitspielen und war enttäuscht", berichtet Franz Ederer, Obmann des Vereins SKVg Pottenbrunn. Fassungslos über die Entscheidung war das Betreuerteam auch deshalb, weil niemand vom Verband kam, um den Afghanen persönlich zu treffen. Kurios: In der Mannschaft ist zumindest ein Spieler größer als der junge Flüchtling. "Gegen diesen Spieler gab es aber noch nie einen Protest", schüttelt Ederer den Kopf.

KURIER-Recherchen ergaben, dass die Causa um den kickenden Flüchtling in Pottenbrunn kein Einzelfall ist. "Zwischen manchen Vereinen gibt es schon böses Blut, weil Beschwerden eingelegt wurden. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass es sich um Jugendfußball handelt und gelungene Integration wichtiger sein muss als Pokale", meint ein Insider.

Gratwanderung

Johann Gartner, Präsident des NÖ-Fußballverbands, weiß um die Problematik. "Ja, es ist eine Gratwanderung. Aber eine bessere Lösung haben wir leider noch nicht gefunden", sagt er. Er betont, dass ein umfassendes Gutachten zur Altersfeststellung für den Verband nicht leistbar sei. "Aus meiner Sicht gibt es aber in 95 Prozent der Klubs keine Probleme. Schließlich ist es ja oft möglich, dass der Spieler in ein Team kommt, wo ältere Mitspieler kicken."

Reza Hossaini will aber unbedingt weiter mit seinen Freunden in der U12 Tore schießen. Kommende Woche wird der Verein deshalb Schreiben an die für den Sport zuständige Landesrätin Petra Bohuslav und an Integrationsminister Sebastian Kurz schicken. "Die derzeitige Vorgangsweise ist reine Willkür", sagt Ederer.