ISTA auf der Suche nach den Fragen der Menschheit
„Wenn man etwas entdeckt, ist man für einen kurzen Moment der einzige Mensch auf der Welt, der genau das weiß“, sagt Ilaria Caiazzo und lächelt. Caiazzo ist Astrophysikerin und forscht am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) in Klosterneuburg (Bezirk Tulln). Ihr Weg führte sie jedoch nicht gleich ins All. Er begann mit Philosophie. Schon als Kind beschäftigten sie Fragen wie: Was ist Zeit? Woher kommen wir? Warum existiert das Universum überhaupt?
Die Astrophysikerin Ilaria Caiazzo.
Natürliche Labore
Sie wechselte zur Physik und fand dort schließlich ihren Platz: zwischen Teleskopen, Daten und den Überresten längst vergangener Sternen, versucht sie diese großen Fragen nun zu beantworten. Dazu forscht sie an sogenannten Weißen Zwergen. Das sind die Überreste von Sternen wie unserer Sonne. Wenn ein Stern am Ende seines Lebens seinen Brennstoff verbraucht, bleibt ein extrem dichter Kern zurück – kaum größer als die Erde, aber mit einer Masse, die fast der unserer Sonne entspricht.
Für Astrophysikerinnen und Astrophysiker sind diese Sternenreste natürliche Labore. Dort herrschen Bedingungen, die sich auf der Erde nicht nachstellen lassen. Starke Magnetfelder, enorme Dichten und gewaltige Kräfte machen Weiße Zwerge zu Orten, an denen die Grenzen der bekannten Physik sichtbar werden.
Weiße Zwerge bestehen hauptsächlich aus Helium und Kohlenstoff.
„Sie sind so extrem, dass wir neue Dinge über die Physik lernen können“, sagt Caiazzo. Das fasziniert sie. Besonders interessiert sie sich für Systeme, in denen zwei Weiße Zwerge umeinander kreisen. Manche dieser Paare verschmelzen und lösen eine gewaltige Supernova aus. Andere überstehen die Kollision – genau diese nimmt Caiazzo genauer unter die Lupe.
„Sie zeigen uns, was während der Verschmelzung passiert ist“, erklärt sie. Aus den Hinweisen dieser weit entfernten Himmelskörper versucht ihr Team zu rekonstruieren, wie Supernovae entstehen.
Computer und Teleskop
Die meiste Zeit verbringt sie dafür vor dem Computer. Doch auch der Blick durchs Teleskop gibt aufschlussreiche Hinweise: „Wenn wir uns über den Computer auf ein Teleskop beispielsweise in Hawaii verbinden – ist bei uns Tag. Das ist praktisch“, lacht sie. Die Daten werden dann analysiert und zu Modellen verarbeitet.
Warum nicht?
Doch wozu der Aufwand? Warum sollte die Menschheit ausgebrannte Sterne am anderen Ende des Universums untersuchen? Caiazzos Antwort ist einfach: „Warum sollten wir es nicht tun?“ Für sie geht es bei Grundlagenforschung um eine der ältesten Fragen der Menschheit: Woher kommen wir? Und wie funktioniert die Welt, in der wir leben?
Die Antworten entstehen oft dort, wo Menschen bereit sind, unbekannte Wege zu gehen. Neue Beobachtungsmöglichkeiten eröffnen heute Einblicke in Bereiche des Universums, die noch vor wenigen Jahrzehnten unerreichbar waren. Auch am ISTA ist die Astrophysik noch ein junges Forschungsfeld. Erst seit drei Jahren gibt es dort einen eigenen Bereich für Astronomie.
200 Forschende aus aller Welt in Klosterneuburg
Trotzdem wurde Klosterneuburg nun zum Treffpunkt einer internationalen Gemeinschaft: Rund 200 Forschende aus aller Welt kamen zur „European Workshop on White Dwarfs“ – der wichtigsten Konferenz ihres Fachgebiets. Für Caiazzo war es eine besondere Gelegenheit. Sie beschreibt die Konferenz als eine Art Familientreffen: „Alle freuen sich über die Ergebnisse der anderen. Es ist eine sehr schöne Gemeinschaft.“
Dass die Veranstaltung erstmals in Österreich stattfand, sieht sie auch als Zeichen für die Entwicklung des noch jungen Fachbereichs am ISTA. Die Konferenz zeigt Forschenden aus aller Welt: Auch in Niederösterreich kann Astrophysik auf internationalem Niveau betrieben werden. Für Caiazzo bleibt aber vor allem eines entscheidend: die Suche nach dem Moment, in dem ein Rätsel plötzlich eine Antwort bekommt.
- Sonnenfinsternis.
Am 12. August kann man das Event über eine Großleinwand beobachten, außerdem gibt es Street Food und Live-Musik. - 2009 wurde das Institut gegründet.
Den jüngsten Bereich, Astrophysik, gibt es seit 2023. - Science Experience Center.
Wissenschaft zum Anfassen bietet das Besucherzentrum des Forschungsinstituts. Dabei werden die Forschungsbereiche vorgestellt.
Info: vistascience.at - Menschen aus aller Welt.
Am ISTA arbeiten Menschen aus rund 80 Ländern. Jeder Kontinent ist vertreten. - 11 Forschungsgruppen:
Chemie, Biochemie, Computerwissenschaften, Mathematik, Zellbiologie, Datenwissenschaften, Physik, Evolution & Ökologie, Erdwissenschaften, Astronomie und Neurowissenschaften - Doktorat.
Am ISTA können nur Doktoratsstudien und Postdocs absolviert werden, Bachelor- oder Masterstudienangebote gibt es keine. Die Studienplätze sind jedes Jahr heiß umkämpft.
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