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Insektensterben: Auch in Niederösterreich wird es stiller

Weltweit geht die Zahl der Insekten drastisch zurück – auch in Niederösterreich. Warum es vielerorts weniger summt und brummt und welche Arten besonders gefährdet sind.
Ein Stängel mit kleinen rosa Blüten steht vor unscharfem grünen Gras und vereinzelten gelben Blüten.

Ein kleiner, bräunlicher Falter mit gelblich umrahmten schwarzen Augenflecken und helleren Linien auf den Flügeln: Auf den ersten Blick wirkt das Moor-Wiesenvögelchen äußerst gewöhnlich, geradezu unscheinbar. Wer den Schmetterling jedoch zu Gesicht bekommt, kann sich glücklich schätzen. Denn das Insekt gilt als eine der am stärksten bedrohten Schmetterlingsarten Europas.

Wie der Name bereits erahnen lässt, benötigt das Moor-Wiesenvögelchen feuchte Lebensräume wie Riedwiesen, Flachmoore und Sümpfe. Diese Ökosysteme sind durch die Entwässerung und Intensivlandwirtschaft der vergangenen Jahrzehnte stark unter Druck geraten – und mit ihnen der kleine Falter. Dieses Schicksal trägt er allerdings nicht allein. So ist in den vergangenen drei Jahrzehnten etwa die Biomasse der fliegenden Insekten in deutschen Naturschutzgebieten um rund 75 Prozent zurückgegangen, wie die bereits 2017 veröffentlichte, häufig zitierte Krefelder Studie zeigt.

Ein Netz an Auslösern

Und auch auf Niederösterreichs Wiesen, in Wäldern, Hecken oder auf Feldern ist es ruhiger geworden, wie Melina Maier vom Naturschutzbund schildert: „Der dramatische Rückgang von Insekten ist auch in Niederösterreich deutlich spürbar.“ Rote Listen gebe es zwar nur für ausgewählte Insektengruppen – darunter Libellen, Heuschrecken oder Schmetterlinge. Österreichweit würden jedoch etwa zwei Drittel der Arten als gefährdet gelten. „Das ist auch für Niederösterreich anzunehmen“, so Maier.

Ein orange-brauner Schmetterling mit Augenflecken sitzt auf einem grünen Halm vor unscharfem Hintergrund.

In NÖ kommt das Moor-Wiesenvögelchen noch im letzten Niedermoor bei Moosbrunn vor.

Insekten bestäuben Pflanzen, zersetzen organisches Material und bilden die Grundlage vieler Nahrungsketten – ihr Rückgang hat daher weitreichende Folgen für Natur und Mensch. Die Artenschutzverordnung greife die besorgniserregende Situation auf und liste zahlreiche vom Aussterben bedrohte Insekten. Als Auslöser für den starken Rückgang der Insekten nennt Maier unter anderem den Siedlungsbau und Flächenverbrauch. 

Hauptgrund sei laut Maier jedoch die exzessive Landwirtschaft: „Zu frühe und häufige Mahd, fehlender Nährstoffentzug und der Rückgang extensiver Weideflächen zugunsten von Stallhaltungen reduzieren die Lebensraumqualität und Nahrungsquellen für Insekten.“ Zudem benötigen die Tierchen Hecken, Feldraine, Brachstreifen sowie Totholz, um sich zurückzuziehen und zu nisten. Der Mangel an solchen Strukturen trage ebenso zum Insektensterben bei wie der Klimawandel und Extremwetterereignisse.

Abwägen

Der Verlust von Biodiversität sei in erster Linie auf Eingriffe des Menschen in die Natur zurückzuführen, heißt es von der Landwirtschaftskammer Niederösterreich. Landwirtschaftliche Nutzung spiele dabei eine Rolle, sei laut der Interessenvertretung jedoch nur ein Aspekt unter vielen. Gleichzeitig wird betont, dass sowohl in der konventionellen als auch in der biologischen Landwirtschaft zunehmend Maßnahmen gesetzt würden, um Lebensräume zu erhalten und die Artenvielfalt zu fördern. Biodiversität werde seitens der Kammer nicht als Gegensatz zur Produktion verstanden, sondern als Voraussetzung für stabile Erträge.

Den Pflanzenschutz beschreibt die Kammer als komplexen Prozess, in dem unterschiedliche Maßnahmen aufeinander abgestimmt werden. Pflanzenschutzmittel seien Teil eines Werkzeugkastens, so die Interessenvertretung. Sie kämen im Wesentlichen dann zum Einsatz, wenn andere Maßnahmen ausgeschöpft oder nicht ausreichend wirksam seien – nach dem Motto: „So wenig wie möglich, so viel wie nötig.“ Der Einsatz variiere zudem je nach Kultur.

Agrarpolitische Rahmenbedingungen werden großteils von der Europäischen Union und vom Bund festgelegt. Auf Landesebene ist Stephan Pernkopf (ÖVP) für Landwirtschaft sowie die Umsetzung der Regulierungen zuständig. Aus seinem Büro heißt es zum Thema Insektensterben, dass allein in Niederösterreich über 84.000 Hektar als Biodiversitäts- und Naturschutzflächen ausgewiesen sind. Mehr als zehn Prozent der Agrarflächen würden Landwirtinnen und Landwirte zur Verfügung stellen. Es wird unter anderem auf gesetzliche Maßnahmen verwiesen, wie normierte Zeitpunkte der Mahd und Regulierungen von Pflanzenschutzmittel.

In Niederösterreich seien zudem über 600 Wildbienenarten nachgewiesen, die durch gezielte Initiativen weiterhin geschützt werden sollen. Freiwillige Maßnahmen, wie Förderungen im Rahmen des Umweltprogramms oder für bestimmte Landschaftselemente, sollen laufend weiterentwickelt und angepasst werden. Darüber hinaus sei der Anteil der biologisch bewirtschafteten Betriebe mit rund 25 Prozent im Vergleich EU-Durchschnitt (etwa zehn Prozent) besonders hoch.

Umdenken

Gerhard Zoubek ist Teil dieser 25 Prozent. Der Landwirt hat 1997 mit seiner Frau Sigrid den Betrieb seiner Schwiegereltern übernommen und den Hof auf biologische Bewirtschaftung umgestellt. Auf den sandigen Böden ihres Adamah-Biohofs im Marchfeld wächst vorwiegend Gemüse, vor allem Wurzelgemüse.

Zudem pflanzt das Paar Blühstreifen, fokussiert sich auf resistente Sorten, verzichtet auf chemisch-synthetische Mittel und arbeitet etwa mit Kulturnetzen sowie streng regulierten, im Biolandbau zugelassenen pflanzlichen Pestiziden, um Schädlinge fernzuhalten.

Gezielt Insektenarten auszurotten, ist für den Landwirt der falsche Ansatz: „Weil alles mit allem zusammenhängt. Das haben wir leider zum Teil vergessen oder nehmen es nicht mehr wahr.“ So finden etwa Nützlinge, die zur Resilienz der Pflanzen beitragen und sich von Schädlingen ernähren, durch den Einsatz von Pestiziden weniger Futter. „Ganze Kreisläufe gehen verloren, und das erleben wir“, so Zoubek. Hier müsse aus Sicht des Biobauern ein Umdenken stattfinden: weniger Massenproduktion, mehr Vielfalt und bewusster Konsum.

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