Chronik | Niederösterreich
28.10.2018

Historie: Wie der Wolf „böse“ wurde

Obwohl ihm schon lange keine Menschen mehr zum Opfer fielen, gilt das Raubtier vielen als Bestie

„Wenn Wölfe da sind, werden sie irgendwann auf Kinder losgehen. Dafür muss man überhaupt kein Hellseher sein. Das sagt einem der Hausverstand.“ Stammgäste in einem Wirtshaus in Langschlag im niederösterreichischen Waldviertel, wo zuletzt mehrere Schafe gerissen wurden, beharren auf dieser Meinung. Wie kommt es überhaupt, dass der Wolf vielen vor allem als menschenfressende Bestie gilt?

„Ich glaube schon, dass es fast so etwas wie eine Konditionierung durch Märchen gibt, wenn der Wolf immer als das Böse dargestellt wird. Das setzt sich bewusst oder unbewusst in unseren Gedanken fest. So etwas prägt viele Generationen“, sagt Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Uni in München. Er setzt sich in seinem Buch „Psychologie der Märchen“ (Springerverlag, 2017) mit deren Wirkung auseinander.

Alte Schriften

Historische Schriften kratzen häufig am Leumund des Wolfes – etwa Eintragungen in Pfarrchroniken, wonach Wölfe im 17. Jahrhundert in Oberösterreich Kinder „zerbissen“ hätten. Möglicherweise haben sie als Hirten im Freien übernachtet. „Besonders unbeliebt wurden Wölfe im Mittelalter und in der Neuzeit, als sie sich an den Toten auf den Schlachtfeldern vergriffen, am Vieh der armen Bauern und als Jagdkonkurrent des Adels in den bereits recht leer geräumten Wäldern“, erklärt Kurt Kotrschal, der als Wolfsforscher auch die Historie des Raubtiers kennt: „Dazu kam noch, dass der Wolf für die Kirche als altes ‚heidnisches‘ Symbol zur Verkörperung allen Bösen und des Teufels wurde. Folgerichtig wurde er in Mitteleuropa mithilfe moderner Jagdwaffen vom 17. bis 19. Jahrhundert ausgerottet.“

Dabei habe alles ganz friedlich begonnen: „Vor mehr als 30.000 Jahren kamen unsere Jäger- und Sammler-Vorfahren in Kontakt mit jenen Wölfen, aus denen erstmals Hunde entstanden waren. Sie hatten eine respektvolle, nahezu verwandtschaftliche Einstellung zum Wolf“, sagt Kotrschal. Erst als Menschen vor ungefähr 8000 Jahren für die Landwirtschaft sesshaft wurden, sei der Wolf zur Bedrohung ihrer Weidetiere geworden.

So hoch die Emotionen in der öffentlichen Debatte aufflackern, so dünn ist derzeit die Faktenlage. Denn gut 100 Jahre lang waren die Wölfe in Mitteleuropa – bis auf scheue Einzelgänger – nicht präsent. Weil kaum ein Erfahrungsschatz vorhanden ist, ersetzt man laut den befragten Experten fehlendes Wissen zum Teil durch das Bild, das alte Mythen, Märchen oder gruselige Filme transportieren. Entsprechend schwierig lässt sich abschätzen, wie sich ein „normaler“ Wolf verhält – und wie man einen sogenannten „Problemwolf“ definiert.

Überlebenskampf

Viele Argumente zum Wolf beziehen sich jedenfalls auf eine lange zurückliegende Zeitspanne, in der das Zusammenleben mit Lupus von einem beidseitigen Überlebenskampf geprägt war. Das belegen Forschungsarbeiten, die sich mit dem Mensch-Wolf-Verhältnis und Übergriffen auf Menschen beschäftigen.

Die „NINA“-Studie vom Norwegischen Institut für Naturforschung etwa zeigt, dass es für Wölfe, die sich im intensiv genutzten Agrarland aufhalten, „normal“ ist, in der Nähe vom Menschen zu leben und sporadisch auch Hunde zu töten, ohne dass sie für Menschen eine Bedrohung darstellen. Belegt scheint, dass in Europa ab dem 18. Jahrhundert 1572 Menschen, vielfach von tollwütigen Wölfen, getötet wurden. Die Tollwut ist heute in Europa fast verschwunden.

Heute sei die Situation anders, sagt Kotrschal: „Aufgeklärtes und ökologisches Denken und zunehmender Respekt vor der Natur im 20. Jahrhundert, gegossen in Schutzbestimmungen, und extrem hohe Wilddichten in unseren Wäldern führen nun zu einer raschen Wiederkehr der Wölfe im Kulturland – und zu jenen Konflikten, die wir gerade erleben. Menschen sind ihm seither nicht zum Opfer gefallen.“

Märchen und Filme

Rotkäppchen

Das bekannteste Märchen zum Wolf ist wohl Rotkäppchen: Das listige Raubtier gibt   sich als das junge Mädchen aus,  betritt das  Haus der Großmutter, verschluckt sie. Er legt sich als verkleidete Oma ins Bett und frisst das  Rotkäppchen. Ein Jäger tötet den Wolf und  befreit die beiden aus seinem Bauch.

Der Wolf und die sieben  Geißlein

Die Geißenmutter verlässt das Haus und  beschwört  ihre sieben Kinder, niemanden ins Haus zu lassen.  Der Wolf schluckt Kreide, um ihre Stimme nachzuahmen.
Die Getäuschten  lassen ihn ein, er   frisst  sechs. Das Jüngste  berichtet  der Mutter, was passiert sei. Sie  schneidet  den Bauch des Schlafenden auf und rettet ihre Kleinen.

Bosnische Wölfe

Der österreichische Autor Max Hölzel hat 1938 das Buch „Bosnische Wölfe“ veröffentlicht, in dem er angeblich selbst Erlebtes aus der Zeit der Monarchie erzählt.  Darin kämpfen Soldaten mit einem Wolfsrudel, das  Menschen tötet.

Twilight

Ab 1930 sind immer  wieder (inzwischen gut 150) Filme und TV-Serien  mit Werwölfen (Menschen, die sich in Wölfe verwandeln können) entstanden. Jüngst zum Beispiel „The Originals“ oder„Twilight“.