Chronik | Niederösterreich
21.05.2017

Handbuch für Waffe lag noch im Bett

Der 35-jährige Vater betrat erstmals das Haus, in dem seine drei Kinder getötet wurden.

Es dauert einige Minuten, bis sich jene Tür öffnet, hinter der das Unfassbare geschah. Ein Mitarbeiter des Aufsperrdienstes muss anrücken, weil der Originalschlüssel für das Haus in Schildberg Nr. 14 in Niederösterreich derzeit nicht auffindbar ist.

Für Andreas K. ist es ein schwerer Gang, der über eine Steinstiege hinauf zur Eingangstüre führt. Ende November 2016 löschte seine Ex-Frau Martina R. das Leben der drei gemeinsamen Kinder in diesen Räumen aus. Bei der Familientragödie, die das ganze Land erschütterte, mussten auch die Mutter und der Bruder der 35-Jährigen sterben, ehe sie sich selbst Tage später das Leben nahm.

K. geht durch das Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen verwelkte Blumen, über einem Sessel hängt eine Jacke, in einem alten Kasten steht eine DVD-Sammlung. Weil das Haus in den kommenden Tagen im Zuge des Verlassenschaftsverfahrens geräumt und danach verkauft werden soll, bekommt der verbitterte Vater von Sebastian (10), Fabian (9) und Michelle (7) in Begleitung eines Notars die Gelegenheit, nach persönlichen Erinnerungsgegenständen zu suchen. Die Spuren der Bluttat wurden schon vor längerer Zeit beseitigt.

"Ich hoffe vor allem darauf, dass ich Fotos meiner Kinder finde", sagt er nervös zum KURIER, bevor er das Haus betreten darf.

Suche nach dem Warum

Vor allem ist es aber auch eine Suche nach dem Warum. War wirklich die Krebserkrankung der Mutter Auslöser für die Tragödie?

"Ich bin ratloser als zuvor", sagt K. nach einem Rundgang durch das Haus und seufzt. "Ich habe einen Sessel gefunden, der noch originalverpackt war. Auf dem Kalender waren Einträge bis Ende 2016 zu finden."

Ein Schreck fährt ihm durch die Glieder, als er das Schlafzimmer seiner Ex-Frau betritt. "Auf dem Bett habe ich eine Gebrauchsanleitung für die Walther 7.65 gefunden." Es war die Tatwaffe, mit der die 35-jährige Baumarktangestellte ihre Kinder, den Bruder Peter und ihre Mutter Mathilde erschoss. Die Taten dürften sich nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes Niederösterreich an mehreren Tagen ereignet haben. Als Schlusspunkt legte sich Martina R. auf ihre bereits tote Mutter und beendete ihr eigenes Leben mit einem Kopfschuss.

Friedhof

Mehr als ein paar Fotos seiner Kinder und einige Zeichnungen findet Andreas K. am Tatort in Schildberg allerdings nicht. "Das ist traurig, selbst an der Wand hing nur ein Bild. Und das war jenes ihres Großvaters."

Als sich K. auf den Heimweg macht, fährt eine Nachbarin mit ihrem Auto vorbei. Sie lässt das Seitenfenster herunter und sagt: "Dieses Haus hat ein ganz schlechtes Omen. Man kann nur hoffen, dass es bald abgerissen wird. Keiner möchte es mehr sehen."

Die drei Kinder sind mittlerweile in einem Urnengrab am Ottakringer Friedhof in Wien bestattet. Fünf Monate hat es gedauert, bis Andreas K. seine Liebsten am 28. April dort beerdigen konnte. Der Friedhof liegt nicht weit von der Wohnung des EDV-Technikers entfernt. Wenn er seinen Kindern nahe sein will, besucht er sie dort und betet.

Ehemalige Mitschüler haben für Fabian, Sebastian und Michelle Botschaften verfasst. Ein Bub hat für die drei einen Schutzschild gebastelt.

Die Anteilnahme rührt den Vater zu Tränen.

Täterin lebte tagelang neben den Leichen im Haus

Am 1. Dezember des Vorjahres machte die Polizei in einem ehemaligen Gasthaus in Schildberg bei Böheimkirchen (Bezirk St. Pölten-Land) eine grauenvolle Entdeckung: Hinter der verschlossenen Türe des großen Wohnhauses entdecken die Beamten sechs Leichen – darunter jene von drei Kindern. Schon Tage zuvor hatte sich eine schreckliche Familientragödie in den vier Wänden ereignet.

Wie die Ermittlungen ergaben, hatte die 35-jährige Baumarktangestellte Martina R. mit einer Walther 7.65 ihre drei Kinder Michelle (7), Fabian (9) und Sebastian (10), ihren Bruder Peter (41) sowie ihre Mutter Mathilde (59) erschossen.

Wie die Auswertung ihres Mobiltelefons ergab, dürfte sie danach sogar noch Besuch im Haus empfangen haben. Eine Rekonstruktion von Kriminalisten und Gerichtsmedizinern ergab, dass die Mörderin erst Tage später den finalen Schlusspunkt der Bluttat setzte, indem sie mit der Waffe ihrer Mutter Selbstmord beging.

Da kein Abschiedsbrief der Täterin gefunden wurde, kann über das Motiv nur spekuliert werden. Die Mutter der 35-Jährigen hatte Krebs im Endstadium. Wenige Tage vor der Bluttat war Mathilde R. erst von einem Spitalsaufenthalt nach Hause gekommen. Dazu soll die prekäre finanzielle Situation gekommen sein.