Chronik | Niederösterreich
05.12.2011

Halbmond statt Gipfelkreuz

In Gleißenfeld steht Österreichs einziger Gipfelhalbmond. Woher er kommt, wusste bisher kaum jemand.

Es war im Nationalratswahlkampf 2006, als der damalige BZÖ-Chef Peter Westenthaler witterte, dass der Alpenverein gemeinsam mit SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi Halbmonde statt Gipfelkreuzen auf Österreichs Berggipfeln aufstellen wolle. Al-Rawi soll in einem Brief Gipfelkreuze als "Herrschaftssymbole des Christentums" bezeichnet haben. Westenthaler ist damals einer Künstlergruppe auf den Leim gegangen. Sie hatte den Brief verfasst, weil sie testen wollte, wie weit Österreichs populistische Politiker gehen. Der Fall wurde zur "Causa Halbmond statt Gipfelkreuz".

Jetzt, fünf Jahre später, sorgt tatsächlich ein Halbmond auf einem Berggipfel für besondere Aufmerksamkeit. Den "Türkensturz" in der Gemeinde Scheiblingkirchen (Bezirk Neunkirchen) ziert an oberster Stelle ein Halbmond; das Gipfelkreuz steht paar Meter weiter unten.

Warum steht der Halbmond auf den 610 Meter hohen Berg in der Buckligen Welt? "Na wegen de Türken", erklärt man unten in Ort. Der Legende nach sollen zur Zeit der Türkenbelagerung ein paar osmanische Soldaten ein junges Mädchen verfolgt haben. Sie - einen weiten Rock tragend - flüchtete sich auf den Türkensturz und sprang in die Tiefe. Der weite Rock erwies sich als Fallschirm, das Mädchen überlebte und flüchtete, die jungen Soldaten stürzten in den Tod. Soweit die Legende. Nur: Aus dieser Zeit stammt der Halbmond nicht.

Heimweh

Woher der glänzende Mond ursprünglich gekommen ist, galt auch im Gemeindeamt bis vor Kurzem als Rätsel. "Von irgendeinem Seebensteiner", vermutete Alt-Bürgermeister Karl Stangl. "Vor etlichen Jahren hat der den dort montiert." Viele hätten das damals positiv empfunden. Aber ein Halbmond auf einem Berggipfel in einem christlichen Land - das missfiel auch einigen. "Dabei hat der Mann nur gedacht, ein Halbmond passt gut auf den Türkensturz", beschwichtigt Stangl.

KURIER-Recherchen ergaben, dass der erste Halbmond - in Gold gehalten - von Bäckermeister Josef Redler montiert worden war; doch der wurde gestohlen. In den 1960er-Jahren zog Redler aus Scheiblingkirchen weg. Aus Heimatverbundenheit - wie der Bürgermeister schließlich in Erfahrung brachte - befestigte der Bäckermeister erneut einen Mond auf dem Gipfel - eben jenen silbernen.

In den vergangenen Jahren wurde der Türkensturz immer mehr zum beliebten Ausflugsziel der Türkischen Community. Vor allem an den Wochenenden drängen viele Familien auf den Felsvorsprung. In den Holzwänden der Gipfelhütte haben sich viele verewigt: Ünal war schon hier, ebenso wie Pinar, Fatma oder Keskin.

Früher, erzählt Alt-Bürgermeister Stangl, gab es am Fuße des Türkensturzes einen netten Spielplatz mit drei schönen Grillplätzen. "Aber die mussten wir wieder abbauen. Samstag und Sonntag haben wir da eine kleine Türkenbelagerung gehabt."

Sie seien in Massen gekommen, und aus allen Altersschichten: "Deshalb mussten wir den Spielplatz mit einem Grill- und Lärmverbot versehen", erklärt Stangl. "Aber einen Saustall haben sie nie hinterlassen. Sie haben immer alles weggeräumt."

Auch Sükrü Karayel vom Ajuk-Verein in Wiener Neustadt kennt die Legende vom Türkensturz. Mit gemeinschaftlichen Wanderungen auf den geschichtsträchtigen Berg hat er aber nichts am Hut. "Wir fördern das Miteinander, nicht das Nebeneinander. Der Türkensturz ist keine Pilgerstätte für uns."

Wissenswertes: Naturpark, Ruine und Klettersteig

Der Türkensturz ist eine bewusst geplante Burgruine auf einem Felsvorsprung in Gleißenfeld (Gemeinde Scheiblingkirchen-Thernberg), im Naturpark Seebenstein-Türkensturz. 1824 ließ Fürst Johann I. von Liechtenstein die Ruine auf Wunsch seiner Frau errichten.

Der Name " Türkensturz" geht zurück in die Zeit der Türkenbelagerung. Vor allem zur Zeit der ersten Belagerung im Jahr 1529 sollen sich viele Osmanen in der Buckligen Welt aufgehalten haben.

Heute ist die Ruine vor allem ein Ausflugs- und Wanderziel. Zahlreiche Wege - gemütliche und auch fordernde - führen zum Gipfel. In den letzten Jahren wurden für Sportliche auch eigene Klettersteige entlang der Felswand errichtet. Weil der Naturpark von den seltenen Wanderfalken bevölkert wird, kann er in der Brutzeit der Vögel gesperrt werden. Vor einigen Jahren erlangte die Felswand traurige Berühmtheit in der Region: mehrere Selbstmörder setzten ihrem Leben dort ein Ende.