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Chronik Niederösterreich
10/31/2019

Grenzverkehr statt Stacheldraht

Vor 30 Jahren war die tote Grenze Geschichte – Tschechien ist heute zweitstärkster Exportmarkt für NÖ.

von Marlene Penz

Als im Juni 1989 die damaligen Außenminister Alois Mock und Gyula Horn symbolisch den Stacheldrahtzaun zwischen Österreich und Ungarn durchtrennten, veränderte sich auch das Leben in den niederösterreichischen Grenzregionen schlagartig. Menschen und Wirtschaft, die jahrzehntelang getrennt waren, konnten nun wieder zusammenwachsen.

„Wenn sich vor 1989 Kurgäste verlaufen haben und unbeabsichtigt über die Grenze nach Tschechien kamen, dann wurden sie dort festgehalten. Oft bekamen wir sie erst nach zwei Tagen wieder zurück“, erzählte die Geschäftsführerin vom Moorbad Harbach im Bezirk Gmünd, Karin Weißenböck, im Rahmen der Festveranstaltung „30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs aus der Sicht der Wirtschaft“. Heute, Jahrzehnte später, kann man sich das kaum mehr vorstellen.

Spätestens seit dem Jahr 2007 – mit dem Inkrafttreten des Schengen-Abkommens – ist die einstige tote Grenze kaum noch wahrnehmbar.

Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner betonte im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung im Palais Niederösterreich, dass der Fall des Eisernen Vorhangs „im wahrsten Sinne des Wortes eine Jahrhundertchance war, die wir bestens genutzt haben“.

0,5 Prozent Wachstum

Auch Wirtschaftslandesrätin Petra Bohuslav pflichtet ihr bei: Niederösterreich sei von der toten Grenze im Rücken auf einen Schlag ins geopolitische Zentrum und in die Mitte Europas gerückt. „Das hat einen enormen Entwicklungsschub gebracht. Wir haben von Experten (Anm: Studie des Economica-Instituts) die Rückmeldung bekommen, dass die Wirtschaft um 0,5 Prozentpunkte stärker gewachsen ist, als es ohne den Fall des Eisernen Vorhangs und den folgenden Entwicklungen der Fall war“, betont Bohuslav.

Der Osten ist ein starker Exportmarkt geworden. Die größten Märkte für Niederösterreich sind nun nach Deutschland, Tschechien und Ungarn. Mehr als 40 Prozent des Bruttoregionalprodukts erwirtschaften niederösterreichische Unternehmen mit Warenexporten. Knapp eine viertel Million Arbeitsplätze sind damit verbunden. Bei rund 600.000 Beschäftigten im Land sind circa 40 Prozent aller Arbeitsplätze von Exporten abhängig.

Der Fall des Vorhangs gilt auch als Basis für die EU-Osterweiterung, von der NÖ wirtschaftlich profitiert hat. Außerdem habe die EU mit Förderungen in der Grenzregion zum Wachstum beigetragen: „Wir können auf sehr viel aufbauen, wir wollen aber noch mehr“, sagte die Landeshauptfrau – und meint damit: EU-Fördermittel. Sie richtete sich an EU-Budgetkommissar Johannes Hahn, der neben ihr auf der Bühne stand und federführend für die EU-Finanzplanung bis 2027 verantwortlich ist.

Historischer Rückblick: Öffnung des Grenzzauns

Ungarn nahm eine Vorreiterrolle beim Abbau der Grenzanlagen des Eisernen Vorhangs in Europa ein: Als erstes Land begann es am 2. Mai 1989 damit. Die „offizielle“ Öffnung des Vorhangs erfolgte dann am 27. Juni 1989 durch die Außenminister Alois Mock und Gyula Horn bei der ungarischen Grenzstadt Sopron.

Sie durchtrennten dafür symbolisch ein Stück Grenzzaun, das extra dafür vom bereits abgebauten desolaten Zaun nachgebaut wurde. De facto veränderte sich für die ungarischen Bürger danach wenig: Die Zahl der Grenzsoldaten wurde verstärkt und es galt Schießbefehl. Beim berühmten Paneuropa-Picknick am 19. August wurde ein Grenztor zwischen Österreich und Ungarn geöffnet.  Zwischen 600 und 700 DDR-Bürger nutzten diese dreistündige  Öffnung des Eisernen Vorhangs zur Flucht in den Westen, zur Flucht nach Österreich. Diese Aktion löste eine Kettenreaktion aus, an deren Ende der Zerfall des Ostblocks und das Ende der DDR standen.

Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 und der innerdeutschen Grenze in den Tagen danach war ein wichtiger Meilenstein beim Zerfall des Eisernen Vorhangs. Der Mauerfall gilt auch als ein Symbol für das Ende des Kalten Krieges. 1991 brach dann die Sowjetunion auseinander.

Während des Ost-West-Konflikts und der Zeit des Eisernen Vorhangs,  verschwanden über die Jahrzehnte die nachbarschaftlichen Beziehungen in den Regionen entlang des Vorhangs.  Sprachbarrieren wurden immer größer, da kaum etwas  von Ost nach West drang. Wirtschaftlich war die Grenze eine tote Grenze, die Betriebe wanderten ab. Als die Arbeitsplätze verloren gingen, zogen auch viele Bewohner der Grenzregionen  in andere, florierende Gegenden.

Nach 1989 gab es plötzlich wieder viel Potenzial für neue grenzüberschreitende Beziehungen – und jede Menge Nachholbedarf in den betroffenen Gebieten.

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