Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Ein Besuch in Grafenwörth: Zwischen „Mini-Dubai“ und Lebenstraum

Das Bauprojekt, das eigentlich Sonnenweiher heißt, gehört zu den umstrittensten der letzten Jahre. Nun sind alle Häuser gebaut.
46-227779143

Harald Schmit spricht gerne über sein Zuhause. Wobei er es auch gewohnt ist, darüber zu erzählen – und es zuweilen auch zu verteidigen. Denn für Schmit ist mit seinem Haus am See ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen, wie er mit Stolz erzählt. Für Außenstehende lebt er jedoch in „Mini-Dubai“ – und damit in einem der umstrittensten Bauprojekte der letzten Jahre.

Der Sonnenweiher, wie das Projekt offiziell heißt, grenzt direkt an den Ort Grafenwörth. Früher waren hier Felder, die zum Teil auch ÖVP-Bürgermeister Alfred Riedl gehört haben. Die wurden in seiner Zeit als Ortschef umgewidmet, was heftige Kritik zur Folge hatte. Sowohl die Bezirkshauptmannschaft als auch der Landesrechnungshof hatte den Fall geprüft, sämtliche Gemeinderatsbeschlüsse zum Sonnenweiher waren gültig.

Ungeachtet dieser Diskussionen wurde das Projekt umgesetzt. Heute schlängeln sich 206 Häuser um den 36.000 Quadratmeter großen, künstlich geschaffenen See, darunter Reihenhäuser, Doppel- und Einfamilienhäuser. Dieses Jahr wurden die Bauarbeiten abgeschlossen. Der Eigentümer, die NÖ Versicherung, ist emsig mit dem Verkauf der Immobilien beschäftigt.

Das Wasser verbindet

„Grob geschätzt leben derzeit 160 Menschen hier“, sagt Bernhard Lackner, Direktor der NV-Beteiligungsholding. Die Kritik an dem Projekt will er nicht kommentieren – kennen tut er sie natürlich, weshalb er Skeptiker gerne persönlich durch die Anlage führt. Denn im Bezug auf „Mini-Dubai“ gab es nicht nur politische Diskussionen, sondern auch Kritik an Bodenversiegelung, der Zerstörung wertvollen Ackerlandes, nicht benötigtem Wohnraum und Luxusobjekten für Zuzügler aus Wien.

„Jeder hat natürlich seine eigene Meinung, die wir respektieren, aber entscheidend ist, dieses Projekt in seiner Gesamtheit vor Ort zu erleben“, ist er überzeugt. Und er bekomme nach einer Tour durch die Anlage immer wieder dasselbe Fazit zu hören, wie er mehrmals betont: „Man lebt hier wie im Urlaub.“

46-227780653

Reihenhäuser, Doppel- und Einfamilienhäuser säumen sich am Rand des Sees.

Für Harald Schmit, der in dem Haus neben dem Musterhaus wohnt, trifft das tatsächlich zu. Er wollte schon immer am Wasser leben, wie er erzählt – ein Traum, der sich in Österreich nur schwer verwirklichen lässt. Mittlerweile wohnen er und seine Frau das ganz Jahr über in dem Haus am See, das eigentlich nur fürs Wochenende gedacht war.

„Du hast hier ein ganz starkes Gemeinschaftsgefühl, weil alle ein verbindendes Element eint: das Wasser“. Schmit ist übrigens aus Kirchberg am Wagram hergezogen, einer Gemeinde nur wenige Kilometer von Grafenwörth entfernt. Und er ist nicht der einzige Zuzügler aus der Region und aus NÖ. Andere Bewohner stammen aus Wien, Tirol, Salzburg – und sogar Deutschland.

Die Kritik schwingt mit

Erzählungen, die Lackner in seiner Begeisterung für das Projekt nur noch bestärken. Er überlege sogar, selbst nach Grafenwörth zu ziehen, wie er erzählt. Zudem sei es alles andere als leicht, in der Gegend rund um Grafenwörth ein Baugrundstück zu finden, weshalb man mit dem Sonnenweiher leistbares Wohnen bieten wolle. Wobei ein Blick auf die Website des Projekts verrät: 489.000 Euro kostet das billigste verfügbare Objekt, ein Reihenhaus. Wer das größte verfügbare Einfamilienhaus erwerben möchte, muss 744.000 Euro hinblättern. Ob das noch leistbar sei? „Um diese Summen kaufe ich hier ein Haus, einen Garten und einen privaten Seezugang. Um den Erhalt der Seequalität kümmern wir uns“, argumentiert Lackner.

Bei einer Fahrt über das Gelände trifft man auf zwei weitere Bewohner. Der Kinderspielplatz macht ihnen Sorgen, und auch nach einer Stiege in den See wird gefragt. Lackner verspricht eine rasche Lösung. „Hier fühlt sich jeder verantwortlich“, kommentiert er die Anfragen. Offenbar gilt das auch dann, wenn es darum geht, für den Sonnenweiher einzustehen. „Diese ganze Kritik, das ist doch alles ein alter Hut. Die Französische Revolution hat auch einmal stattgefunden“, will der Anrainer nichts mehr davon hören.

„Jeder hier ist glücklich“

Harald Schmit hat indes einen anderen Weg gefunden, mit der mittlerweile seit Jahren andauernden Kritik umzugehen. „Wenn jemand das Musterhaus besichtigt, stelle ich mich schon provokant in den Garten“, muss er lachen. Denn die Frage, wie es sich in „Mini-Dubai“ lebt, komme immer wieder – ebenso wie der Vorwurf, dass die Siedlung schlichtweg hässlich sei.

„Ich habe selber in einem Ort gewohnt, und da sind die Häuser allesamt eng aneinander gebaut“, zieht er einen Vergleich. Er habe den Kauf des Hauses nie bereut, für ihn und seine Frau sei das Leben hier perfekt. „Und es ist egal, mit wem du hier redest: Jeder hier ist glücklich“, schildert er. Weshalb er die wenig schmeichelhafte Bezeichnung „Mini-Dubai“ – im Gegensatz zu Lackner – auch gar nicht so schlimm findet. „Das nehme ich als Kompliment“, sagt er – und muss auch darüber schmunzeln.

Kommentare