Chronik | Niederösterreich
05.10.2018

Goldene „Spinnerei“ – Neuinterpretation von Klosterarbeit

Sonja Raab schmückt Madonnen, Ikonen und Tierschädel nach alter Kunst der Klosterarbeit.

Madonnen geschmückt mit Perlen und Ranken aus Gold, Heiligenbilder umwoben mit Seidengarn und Goldfäden – das Schmücken von Heiligenbildern ist eine Handwerkskunst aus der mittelalterlichen Klosterarbeit. Sonja Raab hat das Handwerk im Stift Seitenstetten gelernt und vergoldet und schmückt nun nicht nur klassische Abbilder von Heiligen der Kirche, sondern auch Tierschädel. „Ich habe mich gefragt, was für mich heilig ist und wert ist, vergoldet zu werden und das ist jedes Blatt, jeder Stein – die Natur als Ganzes“, erklärt die Ybbstalerin. Sie lebt in Opponitz im Bezirk Amstetten. Seit September betreibt sie die Goldspinnerei. „Ich sage immer, man muss spinnen, wenn man das macht, weil es eine Kleinstarbeit ist, bei der man stundenlang konzentriert sitzt. Darum Gold-Spinnerei, es ist meine Spinnerei“, erläutert die 43-Jährige den Namen ihres Kunsthandwerksbetriebes. Sie arbeitet mit Zangen, Drähten, winzigen Perlen und teilweise mit Pinzette. Je nach Größe des Stücks braucht sie 20 bis 40 Arbeitsstunden. „Bei einem Marderkopf geht es schneller, mein Meisterstück ist aber ein Mufflonschädel, daran bin ich dann doch fast 40 gesessen“, so Raab.

Schamanismus

Ihre Madonnen verschickt sie unter anderem nach Deutschland und in die Schweiz. „Die Tierschädel werden noch nicht so angenommen. Marder- und Fuchsschädel findet man im Wald und meine Vorfahren waren Wilderer und Jäger, so haben wir im Schuppen noch einige Geweihe gefunden“, erzählt sie darüber, woher sie die Stücke zum Verzieren nimmt. Sie selbst habe auch schon eine große Sammlung, da sie sich seit 22 Jahren mit Schamanismus beschäftigt. „Für mich ist die Verarbeitung von Tierteilen immer schon ein heiliger Schöpfungsprozess gewesen. Das sind nicht nur die toten Überreste. Vielmehr tragen die Knochen und Hörner noch die Kraft des Tieres“, so die dreifache Mutter. Die „schönen Künste“ wie die Klosterarbeit genannt wird, hat sie von zwei über 70-jährigen Frauen gelernt. „Es ist eine Handwerkskunst, die heute nur noch wenige beherrschen. In Seitenstetten treffen sich jedes Jahr eigentlich dieselben Leute“, sagt die Goldspinnerin.