Chronik | Niederösterreich
05.12.2011

Gerichtschef ohne Allüren

Nach knapp 18 Jahren als Gerichtsvorsteher tritt Josef Schlögl ab. Der Fritzl-Fall bleibt ihm als intensivsterin Erinnerung.

Den buchstäblich letzten Fall wird es bei mir nicht geben." Richter und Gerichtsvorsteher Josef Schlögl will bis zum 30. November versuchen den Aktenstoß am Schreibtisch zu schmälern. Am 1. Dezember tritt der Chef des Amstettener Bezirksgerichts den Ruhestand an. Justizministerin Beatrix Karl obliegt es, aus vier Bewerbungen einen Nachfolger zu bestellen.

Mit gut 20.000 Fällen (davon 4000 Klagen oder 5000 Exekutionen) herrscht am Amstettener Justizstandort übers Jahr geschäftiges Treiben. 25 Personen, davon vier Richter , sind hier beschäftigt. Korrekt manage er 11,5 Vollzeitplanposten und 3,4 Richterstellen, erklärt der begeisterte Jurist. Grob geschätzte 2000 Fälle ohne laufend wiederkehrende Sachwalterakten seien pro Jahr von ihm zu erledigen gewesen, sagt Schlögl.

Als Familien- und Jugendrichter versuchte der 60-Jährige vorrangig Kompromisse am Richtertisch zu erzielen. Spektakuläre Justiz-Shows lieferte er nicht. Nicht aufgefallen sei ihm, dass die Jugend gewaltbereiter als früher sei. Gesellschaftliche Zwänge oder verantwortungslose Veranstalter seien ebenso ein Problem, wie Junge, die ihre Grenzen nicht mehr erkennen.

Einsicht

Oft ist ihm als Richter auch klar gewesen, dass ein Urteil nur die Verschlechterung der Situation verhindere, die Lösung aber lange nicht optimal gelungen sei. Scheidungsfälle mit Kindern oder "erbitterte Kämpfe" mit Leuten, die das Kindeswohl brutal bestimmten, hätten ihn des öfteren sehr gefordert, erzählt Schlögl.

Fall Fritzl

Gefordert bis zum Zusammenbruch samt Spitalsbesuch hat den Gerichtschef der Fall Fritzl. "Das war sicher der intensivste Fall." Vor allem der Aufmarsch internationaler Medienteams, "die mit aller Gewalt einen Schuldigen wollten und den eigentlichen Täter schon fast ignorierten", setzten Schlögl zu. "Mir fehlte da völlig die Kausalkette. Etwas zu verantworten, was irgendwann genehmigt worden war, ist schwer." Zu den Fritzl-Kindern, die einst in seine Kompetenz gefallen waren, fehle jetzt jeder Kontakt. Sie leben anonym in einem anderen Gerichtsbereich.