Chronik | Niederösterreich
23.02.2018

"Frau Gertrudes" Biografin

Marlene Groihofer erzählt die Geschichte der Zeitzeugin Gertrude Pressburger.

"Wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, sind jene Zeugen, die ihnen zugehört haben – ich bin nun Zeugin geworden, ich trage eine Verantwortung", sagt die Autorin und Journalistin Marlene Groihofer. Sie ist die Verfasserin des Buches "Gelebt, erlebt, überlebt", der Biografie von Gertrude Pressburger, jener Holocaust-Überlebenden, die sich im Präsidentschaftswahlkampf für Alexander van der Bellen eingesetzt hat.

Bereits davor hat die 28-jährige Kleinzellerin (Bezirk Lilienfeld) die 90-jährige Wienerin kennengelernt: "Ich habe ein Radioportrait über Frau Pressburger gestaltet. Meine Mutter kennt ihre Tochter und so bin ich auf ihre Geschichte aufmerksam geworden", erzählt Marlene Groihofer. Sie wurde für das Portrait mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Davor hat "Frau Gertrude" nie über ihre Geschichte gesprochen, nie über die Flucht vor dem Hitler-Regime, nie über die Zeit im KZ Auschwitz-Birkenau.

Erst spät hat sie sich ihrer Tochter anvertraut. "Frau Pressburger wollte ihre Lebensgeschichte schon lange aufschreiben, aber sie hat es emotional nicht geschafft", sagt Groihofer. So hat es die Journalistin für sie auf 208 Seiten gemacht.

Wertvoller Frieden

Der Prozess des Schreibens war intensiv: "Wir haben uns zirka 14 volle Tage zusammengesetzt, sie hat erzählt, ich habe zugehört und alles aufgenommen. Danach habe ich das Material transkribiert und zu schreiben begonnen - es gab da einen roten Faden in meinem Kopf, dem ich gefolgt bin." Für beide Frauen war das emotional sehr aufwühlend: "Man hat gewisse Selbstschutzmechanismen, aber es ist eine Geschichte, die wahnsinnig nahe kommt und die auch mit mir etwas gemacht hat." Dadurch, dass Groihofer ihr zugehört hat, habe sich ihr Weltbild verändert: "Der Wohlstand in dem wir leben ist nicht selbstverständlich, Frieden ist etwas Wertvolles, worauf man aufpassen muss", resümiert die talentierte Autorin.

Die intensive Zeit, die beide miteinander verbracht haben, hat sie zu Freundinnen werden lassen: "Wir telefonieren oft und ich bin regelmäßig bei ihr zum Essen", lacht Groihofer, "Gertude ist meine älteste und ich bin ihre jüngste Freundin."