Chronik | Niederösterreich
03/17/2014

Experte für rasche Schließung der Waldschule

Der Innsbrucker Erziehungswissenschafter Volker Schönwiese spricht von menschenrechtswidrigen Zuständen.

Von skandalösen Zuständen in der Waldschule in Wiener Neustadt berichtete der KURIER in seiner Sonntag-Ausgabe. Ein ehemaliger Pfleger, der bis Sommer 2013 im Internat der Sondererziehungsschule für schwer behinderte Kinder tätig war, erzählte von Medikamentenmissbrauch, Vernachlässigung und Quälen. Die Verantwortlichen weisen alle Vorwürfe zurück. Der Innsbrucker Erziehungswissenschafter Volker Schönwiese, ein Pionier in Sachen Integration von behinderten Menschen, nimmt zu den Vorwürfen Stellung. Er schildert im Interview, warum Einrichtungen wie die Waldschule geschlossen werden müssen.

KURIER: Herr Dr. Schönwiese, Sie kennen die Waldschule?'
Volker Schönwiese:
Ich war selbst nie dort. Ich kenne die Waldschule nur von verschiedenen Treffen von Behinderten-Initiativen. Sie hat bei den Betroffenen den schlechtestmöglichen Ruf.

Die Verantwortlichen sagen, dass alles in Ordnung sei.
Wenn jemand behauptet, diese Form der Schule sei optimal, dann ist derjenige fehl am Platz. Es geht heute um Integration und Inklusion, um die Gemeinsamkeit von behinderten und nicht-behinderten Kindern. Auch durch die UN-Konvention werden Integration und Inklusion gefordert.

Die Schule ist mit den Richtlinien der UNO nicht vereinbar?
Die Waldschule widerspricht der UN-Konvention. Als Alternative braucht es in den Gemeinden Familien-Unterstützung und ambulante Dienste, damit behinderte Kinder und Jugendliche bei ihren Eltern bleiben und in die lokale Schule gehen können.

Was soll mit Einrichtungen wie der Waldschule geschehen?
Heim-Sonderschulen gehören aufgelöst und anders verwendet. Wo die Normalität des Lebens fehlt, kann es keine Entwicklung der Kinder geben. In der Isolation lernt man nicht, in und mit dieser Welt zu leben. Das behinderte Kind wird in eine Sondersituation hineingedrängt, in der es meist ein Leben lang bleibt. Entscheidend ist, den Kindern zu helfen, selbst tätig zu werden. Wie sollen behinderte Kinder sprechen lernen, wenn keine anderen Kinder da sind, die sprechen?

Sehen Sie ein Umdenken?
In den Ländern gibt es keine ausreichenden Entwicklungskonzepte, Sondereinrichtungen werden meist bevorzugt unterstützt. Und zu diesen fließt dann auch das ganze Geld. Heimsonderschulen gibt es in Österreich eine ganze Reihe.

Ein ehemaliger Pfleger des Internats der Waldschule erhebt schwere Vorwürfe wie Medikamentenmissbrauch und Vernachlässigung.
Ich halte es überhaupt nicht für unwahrscheinlich, dass die Behauptungen des ehemaligen Mitarbeiters stimmen. Ich gehe davon aus, dass Besucher von außen nur 10 Prozent der Wirklichkeit solcher Einrichtungen mitbekommen. Ich würde die Aussagen des Mannes sehr ernst nehmen und die Aussagen der Vertreter der Schule und des Internates mit Vorsicht genießen.

Gibt es keine ausreichenden Kontrollen?
Bei Erwachsenen müssen Freiheitsbeschränkungen gemeldet werden. Wenn es in Altenheimen, in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder in der Psychiatrie als notwendig erachtet wird, jemanden einzusperren oder mit Medikamenten ruhigzustellen, muss die gesetzlich beauftragte Bewohnerinnenvertretung informiert werden. Diese kann ein Gericht anrufen, das die Freiheitsbeschränkung prüft. Für Kinder und Jugendliche gilt diese Regelung allerdings nicht. Anders ist es seit Kurzem bei Prüfungen der Volksanwaltschaft. Die kann jederzeit unangemeldet kommen und auch Einrichtungen, wie etwa die Waldschule, prüfen. Die Volksanwaltschaft hat das verbriefte Recht, Einsichten in alle Akten und Aufzeichnungen zu erhalten, sie kann die Medikation überprüfen und mit allen Personen sprechen. Damit ist erstmals eine unabhängigere Kontrolle von Behinderteneinrichtungen möglich.

Zuständig für die Schulen sind die Bundesländer.
Die Länder haben ja über Jahrzehnte hinweg nicht kontrolliert, sondern nur finanziert. Die Politik des Landes unterstützt und finanziert diese überholte Einrichtungen. Dies ist kein Einzelbeispiel. Die Politik hat in Österreich im Bund und in den Ländern über Jahrzehnte nicht hingeschaut und war nicht bereit zu steuern.

Was verlangen Sie von den Verantwortlichen?
Meine Forderung ist, dass die Waldschule und andere gleichartige Einrichtungen einen Plan vorlegen, wie sie sich auflösen. Die Einrichtung von sich aus wird das nicht so leicht tun, daher ist es die Aufgabe des Bundeslandes hier Aufträge zu erteilen. Und begleitend müssen die Länder dafür sorgen, dass als Alternativen familienentlastende Dienste und inklusive Schulen entstehen.

Warum ist Ihnen die Waldschule so ein Dorn im Auge?
Die Waldschule ist ja komplett von der Außenwelt abgeschottet. Es gibt dort offensichtlich kein Konzept, die Kinder in die Gesellschaft zu integrieren. Das widerspricht den Menschenrechten. Isolation Behinderter in abgeschotteten Sondereinrichtungen widerspricht der modernen Vorstellung von Entwicklung, Förderung, Therapie, Unterstützung und Begleitung.

Wie soll man das finanzieren?
Es geht um Umverteilung der jetzt vorhandenen Mittel. Wenn jemand sagt, das führe zu einer explosionsartigen Kostensteigerung, dann stimmt das nicht. Das für die Aussonderung reichlich vorhandene Geld müsste nur anders eingesetzt werden.