Der Pilz „Falsches weißes Stengelbecherchen“ ist höchst aggressiv und lässt den Stamm der Eschen beim Wurzelstock morsch werden, sodass vital aussehende Bäume unvermittelt umstürzen können

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Eschensterben
02/15/2020

Einsatz für „Sprengkommando Esche“

Betroffene Bäume in die Luft gejagt / Situation immer dramatischer / Resistente Bäume gezüchtet

von Wolfgang Atzenhofer

Das „falsche weiße Stengelbecherchen“ klingt harmlos und doch ist es ein Killer. 2005 wurde der Pilz in Österreich erstmals nachgewiesen, seitdem macht er Eschen im gesamten Land den Garaus. Vom Eschensterben sind mittlerweile sämtliche Wälder in NÖ betroffen.

In einem Naturschutzgebiet an der Pielach im Bezirk Melk marschierten nun sogar Sprengexperten der Feuerwehr auf, um für Wanderer und Freizeitsportler gefährliche Eschen mit Sprengladungen zu entschärfen. Naturschutzbehörden und Biologen standen hinter dem einzigartigen Einsatz. Bei der Bevölkerung stieß die er auf weniger Verständnis.

In der „Ofenloch-Neubacher Au“ nahe Loosdorf durchbrach vergangenen Samstag das Donnern von Sprengladungen die Idylle. Eine 33-köpfige Feuerwehrtruppe war zum Einsatz gerufen worden. Im 18 Hektar großen Wald herrscht nämlich akuter Handlungsbedarf. Rund 180 Eschen sind dort von den Pilzsporen bereits befallen oder bedroht.

Sperrgebiet

„Das Gebiet ist von uns zwar offiziell gesperrt, wird aber trotzdem von Erholungssuchenden stark frequentiert“, sagt Thomas Vasku, Bürgermeister der Gemeinde Loosdorf, der das Schutzgebiet gehört. „Ich kann überhaupt kein Risiko eingehen“, verweist Vasku auf tödliche Unfälle mit umgestürzten Bäumen im öffentlichen Raum in den vergangenen Jahren.

Um die erste Gefahr zu bannen wurden Eschen, die umzustürzen drohten, gefällt. Doch in intensiver Kooperation mit den Naturschutzbehörden und einem Biologenteam beschloss man die restlichen Bäume, die Wanderwege gefährden könnten, alternativ zu behandeln. „Wir probieren mit dem Absprengen von Wipfel und Ästen eine minimal inversive Methode. Durch das Sprengen sollen Abrissflächen entstehen, wie sie auch natürlich nach Stürmen bei Windrissen entstehen. Das ganze ist Neuland“, erläutert der Biologe Erhart Kraus. Er und seine Töchter begleiten das Projekt wissenschaftlich und dokumentieren die weitere Ausbreitung der Pilzseuche.

Die Feuerwehrsprenggruppe NÖ-West mit ihrem Chef Michael Gaizenauer ist für Baumsprengungen speziell nach Windrissen ausgebildet. Etliche Kilo Sprengstoff und mehrer hundert Meter Sprengschnüre wurden verwendet. Die Arbeit im zerklüfteten Gelände und das Anbringen der Ladungen an hohen Bäumen stellte sich als mühsam und schwierig heraus. „Wir werden das Projekt jetzt bis Ende März positiv abschließen, aber keine Sprengungen mehr machen“, so Bürgermeister Vasku .

Der Sprenglärm wird die Anrainer nicht mehr belästigen. Gefährliche Eschen sollen mit Sägen bearbeitet oder umgedrückt werden, kündigt Vasku an. Gekappte Äste und Stammteile bleiben trotz der Kritik der Wanderer im Wald liegen und werden zu Totholz. Noch im Frühjahr soll dann der Wald wieder geöffnet werden.

Triste Situation

Sperren von Wäldern wegen gefährlicher Eschenbestände gibt es auch in anderen nö. Regionen. „Das Eschensterben wird quer durch Mitteleuropa immer schlimmer“, schildert Reinhard Hagen von der Forstabteilung des Landes. Auwälder entlang der Donau oder der March sind arg betroffen. Wie Hagen sieht aber auch der Forstdirektor der Bauernkammer Werner Löffler Licht am Horizont. Gegen den Pilz resistente Bäume wurden bereits entdeckt. In einem Versuchsfeld bei Tulln versuchen Wissenschafter, aus 35.000 Jungpflanzen gegen den Pilz immune Bäume zu züchten. Löffler: „In zehn bis 15 Jahren sollten wir neue Eschen auspflanzen können“.