Chronik | Niederösterreich
30.11.2018

Ein echter Wiener Neustädter geht nicht unter

Schauspieler Karl Merkatz (88) besuchte seine Geburtsstadt Wiener Neustadt und sprach mit dem KURIER über seinen Lebensweg.

Karl Merkatz sitzt im Frühstücksraum des 110 Jahre alten Hotel Zentral und isst ein Schinkensemmerl. Ein Brösel fällt auf seine rote Cordhose. Mit einer raschen Handbewegung wischt es ihm seine Frau Martha vom Schoß. 62 Jahre sind das Ehepaar Merkatz bereits verheiratet. „Natürlich gab es in dieser Zeit mal Schwierigkeiten. Schuld ist natürlich immer der Mann“, meint Merkatz augenzwinkernd, „aber wir haben immer zusammen gehalten.“

Schauspieler Karl Merkatz, ein „echter“ Wiener Neustädter, ist für eine Lesung in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um über seine Kindheit im bombardierten Wiener Neustadt zu erzählen. Bei einer Koskoskuppel aus seiner Stammkonditorei am anderen Ende des Hauptplatzes verriet die 88-jährige Schauspiellegende außerdem, warum er die Figur des Mundl nicht ausstehen konnte und was er von der derzeitigen politischen Landschaft in Österreich hält.

Herr Merkatz, vor wenigen Wochen feierten Sie Ihren 88. Geburtstag – herzlichen Glückwunsch. Wurde groß gefeiert?

Karl Merkatz: Ja, mit der Familie zusammen. Gewünscht hab’ ich mir allerdings nichts, ich hab’ eh alles, was ich brauch’. Ein paar gute Flaschen Rotwein hab’ ich bekommen, die kann ich gut brauchen.

Sie sind hier in Ihrer Geburtsstadt Wiener Neustadt, kommen da Erinnerungen an Ihre Kindheit hoch?

Natürlich, es war eine schwierige Zeit, es hatte ja niemand was. Und dann kam auch noch der Krieg. Eine meiner stärksten Jugenderinnerungen ist meine Kindheit im De Cente-Hof (heute Wiener Straß 52, Anm.). Der Rudl, die Mizi und das Annerl wohnten über uns, wir haben uns angefreundet und gerauft. Ihr Vater war gegen den Nationalsozialismus, der sagte immer so Sachen wie „Hitler ist ein Arschloch“. Eines Tages kam die Polizei, verhaftete ihn und brachte ihn ins KZ Dachau. Wir standen alle im Haus, da war die Aufregung groß, die Frau Ella weinte und jaulte. Drei Wochen später kam ein Brief, in dem stand, er sei bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen.

Erst lange danach haben wir erfahren, dass ihn sein Bruder angezeigt hat. Wir waren da gerade neun Jahre alt.

Also alt genug, um als „Pimpf“ bei der Hitlerjugend dabei zu sein.

Genau. Zu den Heimabenden mussten wir eine Uniform anziehen, weiße Stutzen, schwarze Samthose, ein braunes Hemd. Wir hatten damals kein Geld dafür, meine Mutter hat mir was genäht. Viel gegeben hat mir die Hitlerjugend allerdings nicht. Da war ich lieber als Ministrant im Dom und in der Vorstadtkirche tätig. Einmal hat sich die Hitlerjugend am Domplatz zum Marschieren aufgestellt, da sind der Rudl und ich gerade vom Ministrieren gekommen. Wir wollten nicht dazu kommen und sind heim gelaufen und haben uns unter den Betten versteckt. Da hat der Führungskader ans Fenster geklopft und gerufen: „Kommt raus, sonst holen wir den Vater ins KZ.“ Da sind wir dann kleinlaut raus gekrochen.

Trotz dieser schrecklichen Erlebnisse haben Sie zu dieser Zeit die ersten schauspielerischen Erfahrungen gemacht.

Genau, in der Volksschule hab’ ich den Rauchfangkehrer gespielt und der Theo den Zuckerbäcker. Wir haben im Keller der Kirche irgendwelche Stücke aufgeführt, die Kirchenweiberl haben uns zugeschaut und ein paar Münzen gegeben. Dieses Geld haben wir dann fürs Kino ausgegeben. Meine Mama hat gemeint „Karli, gehst eh schon ins Bett?“, und ich so „Jaja, natürlich“, und bin ihr dann hinterher ins Apollo Kino. Dort bin ich dann den Seitengang entlang und hab’ bei der Tür hineingeschaut und mir die Erwachsenenfilme angeschaut mit Hans Moser, Marika Rökk und Theo Lingen. Das waren unsere großen Vorbilder.

Karl Merkatz Bombardierungen in Wiener Neustadt

Können Sie sich an das Ende des Krieges erinnern?

Den verbrachten wir im Bauernhaus der Frau Plam in Scheiblingkirchen, der De Cente-Hof wurde ja zerstört. Wir versteckten uns vor den Russen im Wald, aber sie fanden uns trotzdem und brachten uns zurück ins Haus. Da waren sie noch relativ freundlich. Aber dann wurden die Männer in einen Raum gebracht und die Frauen in einen anderen. Die, die sich gewehrt haben, mussten draußen mit dem Gesicht zur Hauswand stehen, mit entsicherter Waffe am Hinterkopf.

Ich saß als 15-Jähriger im Zimmer am Kindertisch, da setzte sich ein Russe mir gegenüber, nahm seine Waffe und sechs Kugeln und lud die Pistole. Dann setzte er mir die Pistole genau hierher (zeigt auf Stirn, Anm.). Ich schloss meine Augen. Er schoss knapp über meinem Kopf vorbei in die Wand und lachte. Die Kugel steckt noch heute dort in der Wand, ich hab’s gesehen.

Merkatz Rollen

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„Ein echter Wiener geht nicht unter"

Als „Mundl“ Edmund Sackbauer in der ORF-Fernsehserie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ (1975–1979) wurde Merkatz einem großen Publikum bekannt

„Der Bockerer"

Großen Erfolg hatte er auch als Wiener Fleischhauer Karl „Bockerer“ in den gleichnamigen ORF-Spielfilmen im Kampf gegen den Nationalsozialismus

Den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, den Sozialstaat Österreich und den heutigen Wohlstand hatte man maßgeblich den Sozialdemokraten zu verdanken. Was sagen Sie zur derzeitigen politischen Landschaft in Österreich?

Ich hoffe sehr, dass die derzeitige Regierungsperiode eine sehr kurze ist. Die eine  Regierungspartei ist wirklich sehr weit außerhalb der Meinung, sie tätigt dieselben Aussprüche wie früher, nur dass die Männer heute schön angezogen sind mit Maßanzügen. Da steh’ ich nicht dazu.

Ihre politische Meinung ist der Ihrer Figur des „Mundl", dem Inbegriff des roten Wiener Arbeiterklasse, also gar nicht so unähnlich. Wie wichtig ist es Ihnen, sich mit den Figuren, die Sie verkörpern, zu identifizieren?

Je länger man eine Figur spielt, desto intensiver wird es. Mit jeder Probe steigt man mehr in die Figur ein, wird diese Person. Kurz vor den Aufführungen war ich dann oft schon unerträglich, meine Frau kann das bestätigen (lacht).

Spielen Sie damit auf Ihre Durchbruchrolle „Mundl" an?

Die Figur hat mir, wie sie im ursprünglichen Drehbuch der Geschichte „Salz der Erde“ beschrieben stand, überhaupt nicht gefallen. Der hat alle bedroht und immer gleich zugeschlagen, nein, das wollte ich nicht spielen.

Ich habe mich dann mit Ernst Hinterberger (Drehbuchautor, Anm.) zusammengesetzt und die Rolle geändert. Da haben wir zum Beispiel entschieden, statt dem Karli eine echte Watschn zu geben, den Satz „Kriegst a Watschn, dass da 14 Tag der Schädel wackelt“ zu nehmen. Das war mir eh lieber. Aber diese Zeit ist jetzt vorbei für mich, ich weiß auch den Text von damals gar nicht mehr.

Zur Person
Geboren am 17. November 1930 in Wr. Neustadt, absolvierte er eine Tischlerlehre, bevor er 1949 nach Wien ging. Später nahm er Schauspielunterricht in Salzburg und machte am Mozarteum seinen Abschluss. Es folgten Theaterauftritte in Deutschland und Österreich,  seinen ersten großen Fernsehauftritt feierte er 1975 mit „Ein echter Wiener geht nicht unter“. Es folgten „Der Bockerer“ (1981), „Der Spritzen-Karli“  (1994), „Anfang 80“  (2011) sowie zahlreiche Ehrungen. Zuhause ist er heute im Bundesland Salzburg.