Bestattet zwischen den Wellen: Auf der Donau Abschied nehmen
Die Urne ist aus einem abbaubaren Material.
Gemächlich nähert sich die MS Mariandl dem Stromkilometer 2008. Im oberen Stock des Charterschiffs sind die gedeckten Tische fast vollständig besetzt. Die Gäste unterhalten sich mit ihren Begleitungen und Tischnachbarn, trinken Kaffee, essen Kuchen oder Weckerl mit Aufstrich. Währenddessen hängt eine melancholische Geigenmelodie leise über dem Raum und deutet an, was der Grund für diese Fahrt über die Donau ist.
Einmal im Jahr haben Interessierte an Bord der MS Mariandl die Möglichkeit, einer simulierten Flussbestattung beizuwohnen. Unter den Anwesenden befindet sich Kornelia Ankerl, Leiterin der Bestattung und Friedhöfe im Magistrat Krems. Ziel der Veranstaltung ist es, die Bevölkerung über Alternativen zur klassischen Beerdigung zu informieren, wie Ankerl erklärt: „Dass es nicht nur den Friedhof gibt oder den Waldfriedhof. Sondern, dass man sich auch in der Donau beisetzen lassen kann.“
"So möcht ich einmal gehen"
Viele kommen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Bei manchen wird aus dem ersten Eindruck eine Entscheidung. So erzählt Ankerl etwa von einem älteren Mann, der an einer Infofahrt im Vorjahr teilnahm. „Er hat sich das angeschaut und gesagt: ’So möchte ich einmal gehen’“, erinnert sie sich. Heuer trat er seine letzte Reise auf der Donau an.
Kristoffer Bolard begleitet als Mitarbeiter der Bestattung Krems bereits seit einigen Jahren Beisetzungen auf dem über 70 Jahre alten Schiff. Zwar stoßen vereinzelt Menschen zufällig auf die Möglichkeit, zwischen den Wellen Abschied zu nehmen. Deutlich häufiger gibt es einen persönlichen Bezug, sagt Bolard: „Wir haben Herrschaften, die hier Boot fahren waren. Die ihre Urlaube verbracht haben, auf einem Campingplatz entlang der Donau. Die jedes Jahr da waren – auch aus Deutschland.“
Bolard und Ankerl zusammen mit Anton Karner, Betreiber des Schiffes MS Mariandl.
Besonders in einem Punkt unterscheidet sich die Donaubestattung seiner Erfahrung nach von klassischen Verabschiedungen: „Es ist ein bisschen lockerer.“ Erst bei der Beisetzung werde der Abschied für viele real. „Sobald die Urne gesunken ist, bleibt dieses Innehalten. Aber es löst sich dann relativ schnell.“
Nachfrage gestiegen
Die Nachfrage nach Donaubestattungen ist laut Bolard gestiegen. Früher hätten die städtischen Bestatter jährlich rund fünf Trauerfeiern auf der Donau abgehalten. „Heute fahren wir zwischen 20 und 30 Mal im Jahr“, so Bolard.
Donaubestattungen sind grundsätzlich seit 2008 in Niederösterreich erlaubt. Die biologisch abbaubaren Urnen dürfen jedoch nur an genau definierten Absetzpunkten ins Wasser gelassen werden. Etwa in Hainburg oder Korneuburg. Und in Rossatz – wo die heutige Zeremonie beim Stromkilometer 2008 endet.
Kurz bevor das Schiff sein Ziel erreicht, greift Ankerl zum Mikrofon. Sie weist darauf hin, dass es sich um keine reale Beisetzung handelt: „Sondern eine stille Einladung, sich mit einem Abschied vertraut zu machen. Ein Einblick in einen möglich letzten Weg.“ Ihre exemplarische Trauerrede ist jenen Menschen gewidmet, die ohne Angehörige beigesetzt werden – und eine Erinnerung an den Wert ihrer Leben.
Während die Singstimme von Ute Freudenberg aus der Box erklingt, greift Bolard nach der bereitgestellten Urne und macht sich auf den Weg zur Wasseroberfläche. Und obwohl um niemanden getrauert wird, ist es stiller geworden auf der MS Mariandl. Dann verschwindet die Urne umgeben von Blütenblättern aus dem Sichtfeld. Die Geräusche kehren auf das Schiff zurück und eine Frau sagt zu ihrem Mann: „Das darfst machen mit mir.“
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