Chronik | Niederösterreich
04.12.2016

Die Tracht alltagstauglich gemacht

Dorothea "Dorli" Draxler bestimmt seit Jahrzehnten die Volkskultur in Niederösterreich mit.

Ausgerechnet eine gebürtige Steirerin ist seit langem die Seele der niederösterreichischen Volkskultur: Vor etwa 30 Jahren hat Dorothea "Dorli" Draxler, 56, ihre Seele dem Thema verschrieben und die Szene – gemeinsam mit anderen – aus einer verstaubten Vergangenheit in eine Gegenwart geführt, in der sie einen neuen Stellenwert erhielt. Ob Trachten, Bräuche, Volkslieder oder Handwerk: Draxler und ihr Team gelten als kompetent.

Offen für Neues

"Wir haben die Tracht aus dem rechten Eck geholt und alltagstauglich gemacht. Das war nicht einfach. Wer in den Achtzigern mit einem Dirndl nach Wien kam, wurde als Nazi angesehen", erinnert sich die überzeugte Trachtenträgerin Draxler. Die aber trotzdem offen für Neues ist. Deshalb hat sie auch kein Problem mit poppigen "Industriedirndln" für junge Mädchen – wenn die einigermaßen fair hergestellt sind: "Die können Eisbrecher für die Beschäftigung mit Tracht sein", sagt Draxler, die hofft, dass sich die Trägerinnen mit der Zeit für Qualität und Regionalität entscheiden. "Deshalb bin ich so froh, dass wir den niederösterreichischen Trachtenball geschaffen haben."

Am Beginn stand allerdings nicht Bekleidung, sondern Musik: Aufgewachsen in bäuerlichem Umfeld der Mittelsteiermark, lernte Draxler Blockflöte und schließlich Geige. Weil sie die Aussicht auf den Unterricht durch einen blinden Klavierlehrer ängstigte.

Nach der Matura absolvierte sie einen Absolventenlehrgang an der Handelsakademie. Machte eine Hauswirtschaftslehrerausbildung und schloss an der Musikhochschule Wien ein Studium zur Musikschullehrerin ab. Währenddessen sie bereits unterrichtete.

Jobsuche

Danach fand sie aber in der Heimat keinen Job. "Arbeitslos gibt's bei uns nicht, sagte mein Vater damals", erzählt Draxler. Also nutzte sie die Möglichkeit, ab den 1980er Jahren beim nö. Volksliedwerk zu arbeiten. Betreute das Volksliedarchiv und arbeitete sich aus dem kleinen Kammerl zur Geschäftsführerin einer Holding hoch, die heute 140 fixe und bis zu 300 freie Mitarbeiter beschäftigt. "Ich bin dankbar für meine Gesundheit und Hartnäckigkeit", sagt sie.

In diese Zeit fiel die Gründung der Arbeitsgemeinschaft " Volkskultur Niederösterreich" als institutionalisierte Kooperation zwischen Volksliedwerk und Heimatpflege. Bald wurde das Unternehmen um den Musikschulbereich und die Chorszene (rund 1400 Chöre) erweitert. Über die Volkskultur lernte sie auch Edgar Niemeczek kennen, der seit 1994 ihr Lebenspartner ist und der gemeinsam mit ihr die Volkskultur aufbaute.

Das seit 1993 stattfindende NÖ Volksmusikfestival "AufhOHRchen" als Leitprojekt liegt ihr noch heute besonders am Herzen. So, wie das inzwischen traditionelle Adventsingen im Schloss Grafenegg, das heuer am 8. und 9. Dezember stattfindet.

Den Shop im Kremser Haus der Regionen machte sie zum Heim hochwertiger Handwerksarbeit. Doch ihr persönliches Ziel geht weit über die Förderung von regionaler Kleidung, Musik und Brauchtumsleben hinaus.

"Es geht um die Identität der Menschen, die andere Kulturen leichter akzeptieren können, wenn sie sich der eigenen Wurzeln sicher sind", philosophiert sie. Draxler will Nachhaltigkeit und eine Struktur im Leben anbieten, die Halt gibt: "Einerseits mit Produkten, die regional und in hoher, auch künstlerischer Qualität entstehen. Aber mir geht es auch um Persönlichkeits- und Herzensbildung." Denn die Jugend braucht Unterstützung: "Wir lernen viele Bewerber für einen Job in der Holding kennen. Da sitzen mir junge Menschen gegenüber, die top ausgebildet, aber oft sozial verarmt und emotional auf der Höhe eines Vierjährigen sind."