Der Stadtgartendirektor am Montag am Landesgericht Wiener Neustadt vor dem Schöffensenat

© Patrick Wammerl

Chronik Niederösterreich
01/18/2021

Die Stadt Baden als Selbstbedienungsladen

Stadtgartendirektor und Buchautor wegen Untreue im Landesgericht Wiener Neustadt verurteilt, aber kein Amtsverlust.

von Patrick Wammerl

Als Stadtgartendirektor, profunder RosenzĂŒchter, Buchautor und Botschafter der Aktion „Natur im Garten“ genoss er jahrzehntelang höchstes Ansehen. Weniger rosig sind die VorwĂŒrfe, die am Montag am Landesgericht Wiener Neustadt gegen Gerhard W. (60) in einem Schöffenprozess vorgebracht wurden. Der hohe Beamte der Stadt Baden und Absolvent der Uni fĂŒr Bodenkultur soll ĂŒber mehr als 30 Jahre die Stadtgemeinde als eine Art Selbstbedienungsladen gesehen haben. Der Anwalt der Kommune, Manfred Sommerbauer, beziffert den vorlĂ€ufigen Schaden fĂŒr die öffentliche Hand mit 170.000 Euro. Im Verfahren wegen Amtsmissbrauches bekannte sich Gerhard W. großteils schuldig, das finanzielle Ausmaß sieht er jedoch weit geringer.

Ins Rollen gekommen war der Fall nach einer Anzeige im Herbst 2019. Mitarbeiter der Stadtgartenverwaltung und anderer Abteilungen belasteten den 60-JĂ€hrigen schwer. Sie sagten aus, dass sie der Chef seit jeher im großen Stil zu seinem privaten Nutzen einteilte. Laut Aussagen der Betroffenen habe der Abteilungsleiter die Parkaufseher mit seinen privaten EinkĂ€ufen beauftragt und mit den Dienstfahrzeugen kreuz und quer geschickt. Eine Blumenbinderin der StadtgĂ€rtnerei soll „fast tĂ€glich“ frische Gestecke und StrĂ€uße fĂŒr die Wohnung des Chefs arrangiert haben. „Sie haben ihre private WĂ€sche von den Mitarbeitern waschen lassen?“, wollte die Richterin vom Angeklagten wissen. „Ich weiß, das war nicht gut“, gab sich der 60-JĂ€hrige gelĂ€utert.

Dienstwohnung

Als er 1986 die StadtgĂ€rtnerei als Leiter ĂŒbernahm, kam er auch in den Genuss, das Diensthaus im Kurpark als Wohnung nutzen zu dĂŒrfen. Mit den Regeln der privaten und dienstlichen Nutzung nahm es Gerhard W. danach aber nicht so genau, gestand er ein. „Es ist mir erst im Nachhinein klar geworden, dass das verboten ist.“ Ohne es mit dem Rathaus zu besprechen, ließ er von Tischlern der Gemeinde Maßmöbel anfertigen, kaufte auf Rechnung der Stadt ElektrogerĂ€te, Kameras und Mobiltelefone und ließ die Wohnung mehrmals ausmalen.

Beliebt machte er sich damit nicht unbedingt. Als die Blumenbinderin nicht mehr stĂ€ndig die Gestecke fĂŒr das PrivatvergnĂŒgen des Chefs binden wollte, habe sie seine Terrasse schrubben mĂŒssen. „Als Strafe?“, fragte die Richterin. Das verneinte der Angeklagte.

Als Botschafter der Landesaktion „Natur im Garten“ brachte Gerhard W. auch ein Fachbuch ĂŒber Rosen heraus. Selbst dafĂŒr soll er eine Mitarbeiterin wĂ€hrend ihrer Dienstzeit eingeteilt haben. „Ich habe das Buch als WerbetrĂ€ger fĂŒr die Stadt Baden gesehen. Es wurde auch bei AnlĂ€ssen verschenkt“, rechtfertigt sich der Beamte, der bei vollen BezĂŒgen suspendiert ist. Als ihn 2016 sein neuer Stellvertreter auf den Amtsmissbrauch aufmerksam machte, sei der mit dem Hinweis abgewimmelt worden, dass das schon immer so gehandhabt worden sei.

Mountainbike zweckentfremdet

Eine weitere Anekdote betraf ein Mountainbike, das eigentlich fĂŒr einen Kollegen als Dienstfahrrad angeschafft wurde. Gefahren ist der Mann allerdings nie damit. Gerhard W. hatte es fĂŒr sich selbst beansprucht – „fĂŒr Kontrollfahrten durch das Rosarium“.

Die Selbstbedienungsliste ließe sich noch lĂ€nger fortsetzen. Laut Stadt umfasst alleine der Ordner der vergangenen drei Jahre 450 Positionen. Die Verteidigung hatte noch nicht die Gelegenheit, alle AnsprĂŒche zu prĂŒfen. Zur Wiedergutmachung von einem Teil des Schadens wurden vom Angeklagten am Montag 29.000 Euro ĂŒberwiesen.

Zehn Monate bedingt

Das rechtskrÀftige Urteil: Zehn Monate bedingte Haft und 27.600 Euro Geldstrafe wegen Untreue. Von einem Amtsverlust wird bedingt abgesehen, Gerhard W. kann also trotz Verurteilung im Amt bleiben.

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