Chronik | Niederösterreich
26.11.2017

Toter Flüchtlingsbub: Die Nummer 4 spielt nicht mehr

Helfer quält nach dem Suizid eines Flüchtlingsbuben die Frage nach dem Warum. Experten kritisieren Umgang mit Flüchtlingskindern.

Wenn Christoph P. über Wais Khan spricht, ringt er um Worte. "Er war nicht irgendwer. Wir wollen nicht, dass er in Vergessenheit gerät."

Die vergangenen zwei Jahre trainierte P. den Buben drei Mal pro Woche beim Fußballverein "Casino Baden AC". Am Freitag nahmen er und seine Teamkollegen am Sportplatz Abschied. "Den Kindern geht das sehr nahe", sagt P.

Vor zwei Wochen nahm sich der elfjährige Wais das Leben. Der Bub aus Afghanistan lebte, wie berichtet, mit seinen sechs Geschwistern im Alter von sieben bis 23 Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft der Diakonie in Baden. Eines der Geschwister hat das Down-Syndrom. Die Obsorge hatte der Älteste inne. Doch der dürfte damit überfordert gewesen sein. Dass die Bezirksbehörde trotz zahlreicher Gefährdungsmeldungen nicht die Obsorge übernahm, sorgte für heftige Kritik.

Über einen Selbstmord zu schreiben ist heikel. Berichte können Nachahmungstaten zur Folge haben; meist ist auch die Frage nach dem Warum nicht zu beantworten. Welche Lehren können aus Wais’ Freitod gezogen werden? Wie geht es den Menschen in seinem Umfeld? Und hätte der Suizid – was sich so viele nun fragen – verhindert werden können? Der KURIER versucht eine Annäherung.

Schockstarre

In Baden stehen die Helfer, Unterstützer, Schulkameraden und Bekannten der Familie unter Schock. "Gerade unter den Freiwilligen herrscht riesige Betroffenheit. Es ist eine Tragödie", sagt Integrationsgemeinderat Peter Ramberger. Noch sensibler sein, noch genauer hinhören, würden viele nun als Auftrag sehen. Andere fragen sich, ob die psychologische Unterstützung für Geflüchtete ausreicht.

Und die meisten quält die Frage, was den Elfjährigen so sehr belastet hat, dass er sich das Leben genommen hat. "Es hat für mich nie Anzeichen gegeben, dass etwas nicht passt", sagt Wais’ Fußballtrainer P., der im KURIER-Gespräch mit den Tränen kämpft. "Die Kinder wissen, dass sie immer zum Trainer kommen können." Laut P. war Wais beliebt und gut integriert. Mit privaten Problemen habe er sich nie an ihn gewandt. Die Betreuungsstelle habe immer wieder bei P. nachgefragt, ob mit dem Buben alles in Ordnung ist. Jedes Mal antwortete der Trainer mit ja. "Ich habe die Nachricht von seinem Tod nicht glauben können."

Fußball, das sei Wais’ Leidenschaft gewesen. Als offensiver Mittelfeldspieler und Stürmer habe er großes Talent gezeigt. "Er hätte es zu etwas bringen können", meint P. "Er war bei jedem Training und immer pünktlich." Selbstständig soll der Elfjährige gewesen sein, reifer als Altersgenossen.

Auf Matches fuhr er alleine; sogar beim Landesausbildungszentrum in Bad Vöslau habe er angefragt, ob er dort trainieren könnte. "Auf ihn hat man sich verlassen können." Die Nummer 4 , die Wais getragen hat, soll nun nicht mehr vergeben werden.

"Verkettung"

Die Frage nach dem Warum wird wohl auch weiterhin im Raum stehen. Warum bringt sich ein elfjähriger Bub um?

Katharina Glawischnig, Juristin und Koordinatorin des Netzwerks für Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge (UMF), warnt vor einer kausalen Erklärung. Man könne nicht sagen: Hätte das Jugendamt die Obsorge von Wais übernommen, wäre der Bub heute noch am Leben. "Am ehesten war es wohl eine unglückliche Verkettung von Umständen."

Der Bub ist überfordert mit der Verantwortung, die er trägt, weil er für Familienmitglieder bei Behördengängen dolmetscht. Er begeht einen Ladendiebstahl. Nichts Großes, laut Polizei war es ein Täschchen, nur wenige Euro wert – aber Beamte statten dem Buben daraufhin im Asylquartier einen Besuch ab. Wais sei sehr aufgebracht gewesen, erzählen die Polizisten später. Sie hätten versucht, ihn zu beruhigen. Der Bruder und der Schwager treffen dann eine erzieherische Maßnahme und nehmen den Elfjährigen nicht mit in die Moschee.

Und zu all dem kommt die ständige Angst vor der Abschiebung, die wie ein Damoklesschwert über der Familie schwebt , und das Trauma, das der Bub mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu bewältigen hatte.

"90 Prozent der Flüchtlingskinder haben eine Traumatisierung erfahren", sagt UMF-Expertin Glawischnig. Das bedeute nicht, dass sie alle selbstmordgefährdet sind, aber: "Es bedeutet, dass der Körper und der Kopf darauf reagieren".

"Krankhaftes System"

Den Tod des Elfjährigen sieht Katharina Glawischnig als "Anlass, über zwei krankhafte Systeme in Österreich zu diskutieren": Die Obsorgeproblematik und die mangelnde psychiatrische und psychologische Betreuung von Minderjährigen.

Schon bisher waren die Behandlungsmöglichkeiten für Kinder im stationären und ambulanten Bereich in Österreich nicht ausreichend. Seit der Flüchtlingskrise und der damit verbundenen Migrationsbewegung ist der Bedarf noch weiter angestiegen.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Krankenhaus Rosenhügel ist derzeit ein Anstieg bei den ambulanten Akutversorgungen zu beobachten. Ebenso im Wiener AKH. Wie viele der jungen Patienten geflüchtet sind, wird allerdings nicht erhoben. Bis 2019 wollen Stadt Wien und Krankenanstaltenverbund die Zahl der Betten in Kinder- und Jugendpsychiatrien von derzeit 64 auf 113 erhöhen.

Bei Hemayat, dem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende, wurden die Plätze für die Behandlung Traumatisierter von 2016 auf 2017 um 44 Prozent erhöht – finanziert durch Spenden. Trotzdem standen mit Anfang November exakt 439 Menschen, die eine psychotherapeutische oder psychologische Therapie brauchen, auf der Warteliste. 74 davon sind minderjährig.

"Diese Warteliste ist elendiglich. Wir sind heillos überlaufen", sagt Cecilia Heiss, Klinische Psychologin und Geschäftsführerin von Hemayat. Beim Thema Traumatherapie herrsche eine "Ignoranz, die ich wahnsinnig kurzsichtig finde". Immer wieder müssten Akut-Fälle – also Personen, die sich selbst oder andere verletzen könnten – vorgereiht werden. "Und nicht einmal da kommen wir nach."

Mangelhafte Regelung

Dazu kommt laut UMF-Expertin Katharina Glawischnig die aktuell unzureichende Regelung bei der Obsorge von minderjährigen Flüchtlingen, die allein nach Österreich kommen. Generell ist die Obsorge nach österreichischem Recht immer zunächst Verwandten oder anderen nahestehenden Personen zu übertragen.

Im Falle von geflüchteten Kindern sind das häufig ältere Geschwister, Onkeln oder Tanten. Dass unbegleitete Minderjährige nach ihrer Ankunft hier tatsächlich Verwandte haben, trifft laut Glawischnig aber nur in zehn Prozent der Fälle zu.

Das Gericht überprüft dann, ob die Person, die die Obsorge übernehmen soll, auch dazu in der Lage ist.

"Momentan läuft das mit einem Gespräch bei der Kinder- und Jugendhilfe ab", sagt Glawischnig. Den potenziellen Erziehungsberechtigten werde erklärt, dass mit der Übernahme der Obsorge auch Verantwortung verbunden ist. Rechte und Pflichten würden erörtert, mehr aber nicht. Die Expertin betont, dass auch überprüft werden müsse, wie belastbar die Person ist, die die Obsorge übertragen wird und welcher Unterstützung sie bedürfe.

Dazu kommt, was viele Experten hinter vorgehaltener Hand sagen: Nämlich dass die Übertragung der Obsorge schlichtweg billiger für den Staat ist: Denn sobald jemand die Obsorge über einen minderjährigen Asylwerber übernimmt, erhält diese Person pro Tag 21 Euro für dessen Versorgung. In einem Quartier speziell für UMF beträgt der Tagsatz 95 Euro.

Gesetzesänderung

Eine Expertengruppe unter der Leitung des Justizministeriums arbeitet derzeit an einer "Anpassung der Gesetzeslage". Glawischnig fordert, dass das Jugendamt per Gesetz die Obsorge für UMF ab deren ersten Tag in Österreich übernimmt. Danach könne geprüft werden, ob Verwandte hier sind und wenn das der Fall ist, ob diese auch dazu in der Lage sind, die Rolle des Erziehungsberechtigten auszuüben.

Wenn Sie oder ein Angehöriger sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen oder anzubieten. Unterstützung bietet österreichweit rund um die Uhr die Telefonseelsorge unter 142.