Chronik | Niederösterreich
17.01.2018

Die neuen Kommunen

Gemeinschaftliches und ökologisches Leben stehen beim Co-Housing im Fokus.

Zu fünfzigst gemeinsam leben: Zuerst war da der Traum vom kollektiven Wohnen. Der ließ sich aber gar nicht so einfach in die Realität umsetzen. Vorhandene Initiativen trafen nicht den Nerv von Barbara Wörz und ihrem Ehemann. Dann begegneten sie aber einem anderen Paar, das auch ein Gemeinschaftswohnprojekt starten wollte. Das ist jetzt viereinhalb Jahre her. Inzwischen sind sie zu fünfzigst. Und im März werden sie die Wohnungen in Pressbaum (Bezirk St. Pölten-Land) beziehen.

Wie B.R.O.T. (begegnen – reden – offen sein – teilen) Pressbaum sind momentan einige Co-Housing-Projekte (Gemeinschaft, die in privaten Wohnungen wohnt, die durch Gemeinschaftseinrichtungen ergänzt werden) im Entstehen. Gemeinschaftliches Leben und Umweltschutz stehen bei all diesen Initiativen im Mittelpunkt. Zusammen kochen, Car-Sharing, Lebensmittel-Einkaufsgemeinschaften, generationsübergreifendes Leben und landwirtschaftlicher Anbau sind ein paar der wesentlichen Punkte. Neben vielen Gemeinschaftsflächen werden aber auch individuelle Wohnräume als Rückzugsorte als wichtig angesehen. Allen ist aber gleichzeitig wichtig, zu betonen: "Wir sind keine Sekte."

Planung

Die Planung ist das A und O. Bei B.R.O.T. gibt es mehrere Arbeitsgruppen, die sich um Themen wie Recht, Finanzen oder das Miteinander kümmern. In Vollversammlungen werden die Entscheidungen gemeinsam getroffen. "Das kann schon mal acht Stunden dauern", sagt Wörz. Die Prozesse seien teilweise anstrengend. "Man lernt dabei unheimlich viel. Ich nenne es gerne Lebensschule", sagt die 46-Jährige. "Es gilt, einen Mittelweg zwischen individuellen Wünschen und den Bedürfnissen der gesamten Gemeinschaft zu finden. Manchmal muss man als Individuum auch zwei Schritte zurücktreten", ist sie überzeugt. Pläne, Überlegungen und Wünsche sind eine Sache. Doch wie funktionieren sie in der Realität?

Das Lebensgut Miteinander in Rohrbach (Bezirk Lilienfeld) ist da noch einige Schritte weiter. In einem Kloster aus dem Jahr 1930 wurde vor ein paar Jahren ein "Eco Village" gegründet. "Neun von zehn Projekten schaffen es nicht. Es braucht Menschen, die wirklich dahinterstehen und den Schritt wagen", erklärt Tom Vogel, einer der Gründer.

Er ist stolz darauf, was sie gemeinsam geschafft haben: 17 Erwachsene und fünf Kinder leben derzeit gemeinsam. Es gibt eine Kindertagesbetreuung, eine therapeutische Gemeinschaftspraxis, eine biologische Gemüselandwirtschaft und ein Seminar- und Veranstaltungszentrum. Die Vorbereitungen auf eine Tagesbetreuung für ältere Menschen sind in der Zielgeraden.

Wichtig ist ihnen dabei, dass sie nicht abgeschottet leben, sondern offen für die umliegende Region sind. "Wir haben hier auch Arbeitsplätze geschaffen und achten auf den ständigen Austausch mit unseren Mitmenschen rundherum."

Konflikte

Was er sich zu Beginn einfacher vorgestellt hat, ist, die passenden Menschen fürs Projekt zu finden. "Der Auswahlprozess ist sehr wichtig. Es haben sich bisher rund 400 Interessenten gemeldet. Aber nur ein Bruchteil kommt wirklich infrage", erklärt Vogel. Die Bewohner sind Ärzte, Pädagogen, Gärtner, Krankenschwestern und IT-Experten.

Die Frage der Organisation ist laut Vogel enorm wichtig – auch wie man mit Konflikten umgeht. "Da sind wir noch mittendrin, die beste Lösung zu finden", sagt er und lacht.

Es braucht eine Menge Zeit, Wissen und soziales Kapital

Justin Kadi forscht an der Technischen Universität Wien unter anderem zum Thema Wohnungspolitik.

KURIER: Warum gibt es mehr Gemeinschaftswohnprojekte?

Justin Kadi: Wenn wir über gemeinschaftliches Wohnen reden, ist es wichtig über die Rahmenbedingungen des Wohnungsmarktes nachzudenken. Es ist kein Zufall, dass in den vergangenen Jahren diese Bewegung stattfindet. Es wird immer schwieriger, am formalen Markt eine Wohnung zu finden. Aus dem heraus entstehen Initiativen, die versuchen, das Wohnen in anderen Formen zu denken – und das nicht alleine, sondern in größeren Verbänden.

Warum das Gemeinsame?

In der Mehrheit der Wiener Haushalte leben Menschen alleine. Vor diesem Hintergrund gibt es die Nachfrage von Menschen, dass sie bestimmte Dinge teilen wollen und zusammenleben wollen. Man will einen kleinen Teil des Wohnungsmarktes anders organisiert haben. Das Ziel ist: Wir tun uns zusammen, gründen einen Verein, kaufen das Haus und beschließen unter bestimmten Bedingungen miteinander zu leben. Die Organisation ist da bei den verschiedenen Projekten sehr unterschiedlich.

Gibt es Gemeinsamkeiten?

Das gemeinsame Planen und das gemeinsame Konzept überlegen stehen immer im Vordergrund. Oft wird basisdemokratisch gehandelt. Auf jeden Fall braucht es eine Menge Zeit, Wissen und soziales Kapital, um bei so etwas mitzumachen.