Abt Petrus Pilsinger will im nächsten Jahr die botanischen Fähigkeiten seines Vorgängers aus dem 17. Jahrhundert ins Rampenlicht stellen

© Atzenhofer Wolfgang

Erdäpfel
04/20/2020

Die Hungerknolle aus Amerika und ihr stilles Jubiläum

Vor 400 Jahren wurden die ersten Erdäpfel im Garten des Stifts Seitenstetten angebaut

von Wolfgang Atzenhofer

Den idyllischen barocken Hofgarten des Stiftes Seitenstetten in eine Beziehung mit einem Erdäpfelacker zu bringen, lässt fast Frevelhaftes befürchten. Doch tatsächlich ist die mehlige Knolle für den Stiftsgarten der Benediktiner im niederösterreichischen Mostviertel so etwas wie eine historische Taufpatin. Im Jahr 1620, also vor 400 Jahren, wurden hier nachweislich erstmals in Österreich Erdäpfel als Nahrungsmittel angebaut.

Weil der wichtigen Feldfrucht gegen den Hunger eine gewisse Affinität zu Krisen anhaftet, scheint es wohl auch heuer wegen der Corona-Krise nicht möglich, das Erdäpfel-Jubiläum im berühmten Seitenstettener Garten gebührend zu würdigen. „Das werden wir aber im nächsten Jahr tun“, kündigt Abt Petrus Pilsinger an. Sein innovativer Vorgänger, Abt Kaspar Plautz, der im frühen 17. Jahrhundert die Erdäpfel im Mostviertel kultivierte, hat nämlich 1621 sein Buch („Nova Typis Navigatio“) veröffentlicht. Mit dem Werk, das von den Entdeckungsreisen in die Neue Welt handelte, wurde der Erdäpfelanbau in Seitenstetten fast amtlich dokumentiert.

Erster Erdäpfelsalat

Abt Kaspar beschrieb im Buch nicht nur die Erdäpfelpflanze, die damals „Papas“ oder „Bacaras“ genannt wurde, detailliert. Neben einem Kupferstich mit einer Erdapfelstaude lieferte er auch gleich erste Rezepte. Neben einem Kartoffelkuchen servierte er den Lesern die erste Anleitung für den Erdäpfelsalat: „Nimm diese Bacaras oder Papas, sauber und weichgekocht, schneide sie in Scheiben, füge Öl, Essig, Pfeffer und Salz oder auch Zucker hinzu und genieße“, riet der Abt schon damals.

Dokumente

In Österreich sei die Kartoffel um 1600 zwar schon in Wien aufgetaucht, doch die erste dokumentierte Speise-Nutzung der Frucht habe in Seitenstetten stattgefunden, sagt der Biologe Mathias Weis. Er hat in seiner Diplomarbeit über den Seitenstettener Hofgarten auch die Rolle des Abts Kaspar erforscht. „Er hat unter dem Pseudonym Honorius Philoponus geschrieben und im Buch den Abt, also sich selbst, wegen des Erdäpfelanbaus in Seitenstetten gelobt. Auch Süßkartoffeln und Topinambur beschrieb er“, schildert Weis. Die Erdäpfelgeschichte und das 25-jährige Jubiläum der Renovierung des Hofgartens werden 2021 groß ins Rampenlicht gestellt.

Kulinarische Wertschätzung wird dem wissbegierigen Seitenstettener Geistlichen auch über Österreichs Grenzen hinaus gezollt. So eröffnete vor drei Jahren am Münchner Viktualienmarkt das nach ihm benannte „Caspar Plautz“ – ein junges, innovatives Restaurant, das erfolgreich vielseitigste Erdäpfelspeisen anbietet, aber auch mit seltenen Sorten handelt.

www.stift-seitenstetten.at, www.casparplautz.de

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