Der Tüftler mit dem Schlangenschwung ist der Vater des Skisports
Für einen Torlauf braucht es Torstangen: Skifahrer setzen die Fahrmale. Der Sport war Anfang des 20. Jahrhunderts sehr beliebt.
Das Gedränge am Bahnhof Lilienfeld war enorm. Damen und Herren in sportlicher Kleidung, viele mit Skiern in der Hand strömten aus dem Sonderzug auf den Bahnsteig. Hinter dem Zaun warteten bereits die jungen Einheimischen, begierig, sich als Skiträger etwas Geld zu verdienen. Wer etwas auf sich hielt, der fuhr in den Jahren rund um die Jahrhundertwende Ski. Die Sportler trafen sich am Bahnhof Lilienfeld im Café Bayer, wo der Internationale Alpenskiverein Klubräume besaß. Hier konnten Skier ausgeliehen werden. Und Übungspläne gleich dazu.
Begehrt waren die Skikurse bei Mathias Zdarsky. Der Pädagoge und Tüftler hatte in den Jahren zuvor mit der Etablierung der Lilienfelder Skifahrtechnik den nordischen Sport auch in alpinem Gelände möglich gemacht. Kürzere Skier und eine neuartige, flexiblere Bindung machten in dem steilen, von Bäumen oder Felsen durchsetzten Terrain sichere Schwünge möglich.
Alpiner Skilauf
„Zdarsky war ein Innovator. Er war als Techniker das, was man als Erfinder bezeichnet“, sagt Martin Krickl, Leiter des Museums Lilienfeld. Im Museum, das heuer noch geschlossen ist, soll Zdarsky künftig eine neue, überarbeitete Ausstellung gewidmet sein. Rund 24.000 Dokumente und Gegenstände lagern im Archiv, darunter Zdarskys persönliche Aufzeichnungen. Rund 6.000 wurden zuletzt digitalisiert und werden bald online einsehbar sein.
Zdarsky, der als Erfinder des alpinen Skilaufs gilt, arbeitete verbissen an seiner Innovation. Drei Winter lang hatte der 40-Jährige Ende des 19. Jahrhunderts experimentiert. In seinen Lebenserinnerungen blickte er auf die Versuche fest.
Rund 200 Prototypen soll er entwickelt haben, bevor er mit seiner neuen Stahlsohlenbindung zufrieden war. 1896 ließ er die Erfindung patentieren. Und kämpfte hierauf um Anerkennung seiner Skifahrtechnik, die am 19. März 1905 im ersten Torlauf der Skigeschichte gipfelte.
Mathias Zdarsky kämpfte lange um Anerkennung.
Wegen ungebührlichen Verhaltens aus Schuldienst entlassen
Dabei war Zdarsky mehr als nur ein Technik-Fan. Er wurde 1856 in Trebitsch in Mähren als zehntes Kind geboren. Nach seiner Schulzeit in Iglau und der Lehrerbildungsanstalt in Brünn trat er auf Vermittlung eines Bruders in Wien eine Stelle als Lehrer an.
Nach einem Tumult in einem Gasthaus wurde er allerdings 1883 wegen ungebührlichen Verhaltens aus dem Schuldienst entlassen – und ging auf Selbstfindungstrip über Belarus nach Marokko. Eine Reise, die er künstlerisch dokumentierte.
Danach studierte er Ingenieurwissenschaften sowie an der Kunstakademie. „Er war stark von der Kunst und dem künstlerischen Blick geprägt“, erzählt Zdarsky-Experte Krickl. „Er hat in Problemstellungen gedacht und Lösungen gesucht.“
Sonderzüge brachten die Skifahrer aus Wien nach Lilienfeld.
Der verschollene Erbe
Nach einer Reise nach Lilienfeld erwarb er dort im Jahr 1889 das Gut Habernreith. Das baufällige Bauernhaus bewohnte er aber nie. Stattdessen errichtete Zdarsky später sogar ein Gebäude aus Stahlbeton mit Atelier, Skistall und womöglich Gästezimmern. Besuch erhielt der Künstler und Tüftler genug: Adelige und Botschafter gingen bei ihm ein und aus.
Zu seiner Legendenbildung mag auch ein Gerücht beigetragen haben, das lange Jahre die Runde gemacht hat. Zdarsky sei, so wurde gemunkelt, in Wahrheit Kronprinz Rudolf. Dieser hatte 1889 Selbstmord begannen, just zu der Zeit, als der Erfinder nach Lilienfeld zog. Die Männer dürften eine gewisse Ähnlichkeit besessen haben.
Schließlich fiel Zdarsky ein Buch in die Hände, das Tausende in Europa begeisterte: Polarforscher Fridtjof Nansens „Auf Schneeschuhen durch Grönland“. Das Exemplar mit Zdarskys Randbemerkungen befindet sich heute im Museum.
Mehr als zwei Meter lange Ski
Zdarsky, der sich zu diesem Zeitpunkt eigentlich mit dem Thema Fliegen beschäftigte, war begeistert und bestellte sich derartige Ski aus Norwegen. Er wollte die schneebedeckten Hänge rund um seinen Hof befahren. Doch bald folgte Ernüchterung. Die mehr als zwei Meter langen Ski ließen sich im alpinen Gelände kaum drehen, nur zwei Riemen hielten den Ski am Fuß. Also begann er zu tüfteln. Der Ski wurde kürzer und leicht tailliert und mit der neuen Lilienfelder Stahlsohlenbindung – ähnlich der heutigen Skitourenbindung – hatte der Schuh besseren seitlichen Halt. „Das Faszinierende an Zdarsky war das Mindset des Tüftelns. Durch probieren immer wieder etwas zu verbessern“, sagt Krickl.
Das Material erlaubte es Zdarsky, Schwünge zu machen. „Für ihn war das der Schlangenschwung – was heute noch als Carvingtechnik bekannt ist“, sagt Krickl. Als Stock behielt er den drei Meter langen Bambusstock der Norweger. Seine Entdeckung wollte er der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Er veranstaltete Massenskikurse für bis zu 50 Teilnehmer. Um Schnelligkeit ging es ihm nicht. „Für ihn kam Sicherheit zuerst.“
Skigeschichte am Muckenkogel
Trotz der Vorteile der neuen Technik wurde diese international nicht anerkannt. 1904 lud der Erfinder daher via Anzeigen in Sportzeitungen Interessierte ein, sich selbst ein Bild zu machen. Letztendlich kam im Jahr darauf der norwegische Skisportler Hassa Horn nach Lilienfeld. Er war beeindruckt, als neue Technik wollte er den alpinen Skilauf aber dennoch nicht bezeichnen. Am 19. März 1905 veranstaltete Zdarsky schließlich den ersten alpinen Torlauf der Skigeschichte am Muckenkogel (siehe Zusatzbericht).
Während des Ersten Weltkriegs wurde Zdarsky bei einem Einsatz von einer Lawine erfasst, überlebte mit rund 80 Knochenbrüchen. 1940 starb der Erfinder in St. Pölten. Sein Erbe lebt bis heute weiter.
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