Chronik | Niederösterreich
16.08.2018

„Der Schutz der Wölfe ist eine Verpflichtung“

Kurt Kotrschal ist einer der Gründer des Forschungszentrums für Wölfe in Ernstbrunn.

KURIER: Sind sie von der Rückkehr der Wölfe nach Österreich überrascht?

Kurt Kotrschal: Nein. Das war seit vielen Jahren absehbar. Die Entwicklung hat in Deutschland schon viel früher begonnen.

Wie viele Tiere gibt es hier?

Im Moment ist ein Rudel bekannt. Vielleicht gibt es seit heuer ein zweites, so leben maximal 30 Tiere in Österreich.

Wie sieht es mit ihrem Schutzstatus aus?

Der Schutz der Wölfe ist in der FFH-Richtlinie der EU vorgegeben und daher für alle Mitgliedstaaten eine rechtliche Verpflichtung. In Österreich sind sie als jagdbares Wild ganzjährig geschont.

Warum breiten sie sich bei uns immer weiter aus?

Wölfe breiten sich selbstständig und rasch aus, weil sie eine gute Nahrungsbasis vorfinden und die Vermehrungsrate hoch ist.

Werden sie sich immer weiter vermehren?

Wölfe zeigen eine effiziente Selbstregulation der Dichten. Sie sorgen selbst dafür, dass lokale Wolfsdichten nicht ansteigen, indem sie Nachbarrudel auf Distanz halten. Durchziehende Wölfe vertreiben oder töten sie sogar. Bejagung kann sich negativ auswirken und Vermehrungsraten und den Druck auf Weidetiere erhöhen.

Tierhalter und teilweise auch Jäger fordern inzwischen wolfsfreie Zonen für weite Bereiche von Österreich. Geht das?

Wolfsfreie Zonen sind weder gesetzlich möglich, noch in der Praxis durchführbar oder sinnvoll. Sie zu definieren löst das Problem der Nutztierverluste nicht. Denn Wölfe sind sehr bewegliche Tiere und zudem schwieriger zu bejagen als etwa Rotwild.

Würde regionale Bejagung Herdenschutz ersparen?

Im Gegenteil. Es würde in diesen Zonen immer wieder zu Verlusten an ungeschützten Weidetieren durch durchziehende Jungwölfe kommen. Die würden damit zu hauptsächlichen Nutztierfressern und damit Problemtieren erzogen. Alles in allem wäre das kontraproduktiv.

Weidehalter kritisieren, dass Herdenschutz für sie unzumutbar und praktisch unmöglich wäre.

Das ist schlicht falsch, erfolgreiche Beispiele gibt es in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern. Herdenschutz ist möglich und nötig. Er ist der Schlüssel, um Konflikte zu minimieren. Nur funktionierender Herdenschutz ermöglicht ein konfliktarmes Zusammenleben. Ganz ohne Probleme wird es nicht gehen.

Auf welche Weise kann das funktionieren?

Effizienter Herdenschutz von Beginn der Wolfseinwanderung an sorgt dafür, dass sich Wölfe auf das Erbeuten von Wildtieren spezialisieren, weil Schafe und andere Nutztiere nicht einfach zu bekommen sind; sie geben diese Traditionen im Rudel weiter und sorgen so für eine lokale „Befriedung“.

Weiß man genug über den Wolf, um mit ihm sinnvoll umzugehen?

Es braucht sicher wesentlich mehr Forschung.

Gibt es Argumente, die für eine Anwesenheit des Wolfs in unserer Kulturlandschaft sprechen?

Es gibt biologisch/ökologische, ethische und gesellschaftspolitische Argumente für den Wolf. Sie sorgen für Naturverjüngung der Bäume im Wald, indem sie den Wildbestand beschränken. Sie sorgen auch für verbesserte Tiergesundheit bim Wild. Dagegen spricht am ehesten sein Potenzial, Weidetierhalter zu schädigen.

Wenn Tierhalter fordern, der WWF oder agierende Forscher sollen die Schäden bezahlen, die der Wolf verursacht, was sagen sie dazu?

Da ist unlogisch, sie fordern ja nur die Einhaltung bestehender Gesetze.

Kann man in Wolfsgebieten noch in den Wald gehen?

Im Prinzip können Wölfe auch Menschen gefährlich werden. Trotz wachsender Wolfspopulation in Europa kam bisher niemand zu Schaden. Das wird auch so bleiben, solange Menschen und Wölfe zueinander in respektvoller Distanz bleiben.

Stimmt es, dass europäische Wölfe sogenannte Hybride mit Hudegenen, also keine reinen Wölfe sind?

Es stimmt, dass alle europäischen Wölfe Hundegene tragen. Wölfe tauschen mit Hunden, selten aber doch, seit rund 35.000 Jahren Gene aus. Sie bleiben dennoch vom Verhalten und Wesen her „richtige“ Wölfe.

Zur Person

Kurt M. Kotrschal wurde 1953 in Linz geboren. Nach dem Studium der Biologie in Salzburg hat er dort  1987 habilitiert. Von 1976 bis 1981 absolvierte er Forschungsaufenthalte an Universitäten in den USA. Von 1990 bis 2018 war er  Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau und Professor am Department für Verhaltensbiologie der Uni Wien. Außerdem ist er Mitbegründer des Wolfsforschungszentrums in Ernstbrunn, das er bis 2018 leitete. Er schrieb viele Fachartikel und wurde mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem für sein Buch "Wolf. Hund.Mensch".