Chronik | Niederösterreich
05.04.2017

"Das Herzstück wird herausgerissen"

Montag protestierten freiwillige Helfer gegen Abschiebungen. Am Dienstag wurde weiterer Fall bekannt.

Für Umar Gelishanov stand gestern, Dienstag, von 7.45 Uhr bis 8.35 Uhr eine Stunde Betriebswirtschaft auf dem Plan. Bei seiner Klassenlehrerin in der Fachschule für wirtschaftliche Berufe ( FW) Zwettl. Doch aus der Unterrichtsstunde wurde nichts. Kurz vor sieben Uhr Früh stand die Polizei vor dem Haus, in dem der 17-jährige Tschetschene lebt. "Frau Lehrerin ich werde abgeschoben", schrieb er kurz danach in einer SMS an seine Klassenlehrerin. "Kann ich noch mein A2-Zertifikat holen?"

Lehrer "fassungslos"

Erst am Montag hatten sich Flüchtlingshelfer an die Öffentlichkeit gewandt. Sie gaben an, "frustriert" von der österreichischen Asylpolitik zu sein. Ihr freiwilliges Engagement würde von den Bundespolitikern nicht nur nicht geschätzt, sondern auch kaputt gemacht werden, wenn gut integrierte Menschen wieder abgeschoben werden.

Gestern, Dienstag, wurde dann der nächste Fall einer tragischen Abschiebung bekannt, eben jener von Umar Gelishanov aus Zwettl.

"Das ist eine Katastrophe. Wir sind fassungslos", sagt Regina Mayer-Uitz, Lehrerin an der FW Zwettl. "Da wird einer Klasse das Herzstück herausgerissen." Seit Oktober lebt der junge Tschetschene mit seiner Mutter und seiner Schwester in der Nähe von Zwettl. Mit ihnen war er im Vorjahr über Italien nach Österreich geflüchtet.

Christine Bauer, die sich seitdem ehrenamtlich um die Integration der Familie kümmert, hat Umar zunächst einen Deutschkurs verschafft. Weil er die Sprache so schnell erlernt hatte, bemühte sie sich um einen Schulplatz. Seit 10. Jänner dieses Jahres durfte Gelishanov deshalb die Übergangsklasse zur Fachschule als außerordentlicher Schüler besuchen. Und weil der 17-Jährige wieder große Fortschritte machte, war er ab April "ordentlicher", also sozusagen ein ganz normaler Schüler der FW Zwettl.

Zurück nach Italien

Trotzdem trudelte vor Kurzem der negative Asylbescheid ein: Die Familie wird auf Basis des Dublin -Abkommens nach Italien abgeschoben. "Es ist ganz schlimm", sagt Betreuerin Christine Bauer. "Jetzt war er bestens integriert und hat so gute Noten geschrieben."

Das bestätigt auch Schuldirektorin Friederike Wieseneder: "Vom ersten Schultag an fiel er durch seinen außergewöhnlichen Fleiß, seine Intelligenz und seine überaus rasche Auffassungsgabe auf. In kurzer Zeit beherrschte er die deutsche Sprache so weit, dass er die A2-Prüfung mit Sehr gut bestand."

Und eben dieses Zertifikat war es, das Umar Gelishanov Dienstagfrüh noch aus seiner Schule abholen wollte.Diesen Wunsch erfüllte ihm die Polizei.

Dann wurde er ins Polizeianhaltezentrum nach Wien gebracht. Seine Lehrer hoffen nun, Umars Abschiebung durch ein Schreiben an den Bundespräsidenten aufhalten zu können.