© Weisbier Gilbert

Chronik | Niederösterreich
06/23/2019

Burgherr hofft auf „Belagerung“

Burg Hardegg. Tausend Jahre alte Feste soll für Besucher attraktiver gemacht werden

„Jetzt habe ich den Code für das Vorhängeschloss vergessen“, seufzt Octavian Pilati. So verwehrt das Gittertor seinem Besitzer den Zugang zur Burg Hardegg im nördlichsten Teil Niederösterreichs. Da nützt auch die Stofftasche voller unterschiedlicher Schlüssel nichts, die er zum Treffen mit dem KURIER mitgebracht hat. Als Pilati einen wissenden Mitarbeiter per Smartphone nicht erreicht, klettert er gemeinsam mit dem Besucher eben lachend durch den Spalt unter dem Gitter durch.

Im Weitergehen blickt er besorgt auf das hoch gewachsene Gras am Fuße der Wehrmauern. „Bis zu sechs Mal im Jahr müssen wir mähen. Das ist bei 2.000 Quadratmetern unebenem Gelände mühsam und teuer. Deshalb planen wir, Schafe anzuschaffen“, erzählt der Burgherr.

Wirtschaftlich

Seit seine Familie dem heute 30-Jährigen das Gemäuer 2017 übergeben hat, verliert er das Ziel nicht aus den Augen: „Die Burg muss wirtschaftlich werden, um sich zumindest selber zu tragen.“

Beim Eintreffen im Innenhof räumt der einzige dauerhafte Burgbewohner, ein Turmfalke, unter Protest das Feld. Wegen des aufdringlichen Besuchs kann er die erbeutete Maus nicht in Ruhe auf der Treppe zum weitläufigen Rittersaal verspeisen. „Der war einst der längste Europas, ehe ein Teil des Gebäudes einstürzte und der Saal verkleinert wurde“, erzählt Pilati. „Die Anlage war so mächtig gebaut, dass man gar nicht versuchte, sie anzugreifen“, ergänzt der Burgherr. Doch mit der im 18. Jahrhundert eingeführten Dachsteuer ging es dem Gebäude an die Substanz. Erst deckten die damaligen Besitzer Teile des Dachs ab, um Abgaben zu sparen. Dann deckte sich die Bevölkerung der Stadt Hardegg mit Steinen der bröselnden Mauern ein, um ihre Häuser nach einem Brand wieder aufzubauen. Deshalb ist der ganze Wohntrakt verschwunden.

Auf dem Gang über das Areal findet der heutige Besitzer ständig kleinere Gebäudemängel für seine To-do-Liste. „Zum Glück ist das Dach in einem guten Zustand. Das ist das Teuerste, gefolgt von der Fassade und den Fenstern“, betont Pilati. Der – neben seinem Brotberuf in der Immobilienbranche und im Beteiligungsbereich – an einem neuen Vermarktungskonzept für die gut 1.000 Jahre alte Burg arbeitet. Dabei gibt es allerdings einige Hürden zu meistern.

„Die Burg ist ein wunderbarer Veranstaltungsplatz, aber in der Region fehlen die Übernachtungsmöglichkeiten. Daran sind schon viele Vermietungen gescheitert“, erzählt er. Also will Pilati die Anlage für Tagesgäste attraktiver machen. „Alle möchten auf den Bergfried steigen“, nennt er ein Beispiel. Dazu hat er Gespräche mit dem Denkmalamt aufgenommen und macht sich auf die Suche nach einer technischen Lösung, die die Substanz so weit wie möglich schont. Eine Möglichkeit wäre eine Brücke von einem Nebengebäude zu dem wohl zehn Meter über dem Boden liegenden Eingang. Dazu müsste man aber ein Loch in die Wand des Gebäudes brechen. Auch ein neuer Zugang am Fuße des Turms wäre nur mit einem Durchbruch möglich. Eine Aufstiegskonstruktion sollte nach Ansicht von Fachleuten modern, nicht historisierend sein. „Damit zerstöre ich aber den Wert der Burg als beliebter Filmdrehort“, seufzt Pilati. Eine weitere Aufgabe ist die Erneuerung einer in die Jahre gekommenen Ausstellung über Maximilian von Mexiko, dem ein Vorfahre Pilatis diente.

Gruft

Auch die Familiengruft würden viele Besucher – die meisten kommen aus Tschechien – gern sehen. Doch da sträubt sich Pilatis’ Verwandtschaft. „Dabei wäre es doch schön, wenn die toten Vorfahren etwas beitragen und die lebenden unterstützen könnten“, sagt der Burgherr lachend. Der respektvoll, aber auch entspannt mit der Familiengeschichte umgehen will.