Chronik | Niederösterreich
20.03.2016

Buch enthüllt: Kampusch-Entführer hat Videos gedreht

Im Verlies: Wolfgang Priklopil habe das Leben mit seinem Opfer auf Video festgehalten.

Die "Akte Kampusch" bekommt ein neues Kapitel.

3096 Tage. So lange war Natasch Kampusch im Verlies ihres Entführers, Wolfgang Priklopil, eingesperrt. 2006 gelang ihr als 18-Jährige die Flucht, nach acht Jahren in der Gefangenschaft. Priklopil habe dabei "umfangreiche Videoaufnahmen in seinem Haus und dem Keller gemacht", berichtet nun die Welt am Sonntag. Das Video sei streng unter Verschluss - die Existenz des Materials sei aber öffentlich geworden, heißt es weiter. Die Inhalte der Protokolle würden alle Verschwörungstheorien, die es im Laufe der Jahre gab, widerlegen - und Natascha Kampuschs Aussagen bestätigen.

Buchveröffentlichtung

Die Quelle dafür ist das am Montag (21. März) erscheinende Buch "Der Entführungsfall Natascha Kampusch. Die ganze beschämende Wahrheit" (riva Verlag, zur Homepage) des Autors Peter Reichard. Der ehemalige Kriminalbeamte Reichard hat zehn Jahre lang recherchiert und sich intensiv mit dem Entführungsfall auseinandergesetzt.

Seine Recherchen bringen laut Verlag "neue, erschütternde und bisher geheimgehaltene Erkenntnisse über Natascha Kampuschs Entführungszeit zutage". Das Vorwort zum Buch hat Welt-Chefredakteur Stefan Aust geschrieben.

Mit zehn entführt, als 18-Jährige gelangt die Flucht

Die damals zehnjährige Natascha Kampusch war am 2. März 1998 entführt und mehr als acht Jahre lang in einem Keller bei Priklopils Haus in Strasshof (Niederösterreich) gefangen gehalten worden. Erst am 23. August 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht. Priklopil beging daraufhin Selbstmord, indem er sich vor einen Schnellbahn-Zug warf. Obwohl die polizeilichen Ermittlungen zum Ergebnis kamen, dass der Entführer alleine gehandelt hatte und auch Kampusch selbst dies bestätigte, waren anderslautende Verschwörungstheorien nie verstummt.

Ebenso wurde Priklopils Freitod immer wieder infrage gestellt. Im polizeilichen Endbericht von April 2013 wurde dazu jedoch festgehalten, es bestünden keine Zweifel am Suizid. Auch immer wieder behauptete Verstrickungen des Entführers in die Rotlicht-bzw. Pädophilenszene konnten nie nachgewiesen werden. Der ehemalige Chefermittler Franz Kröll hat nach offiziellen Angaben im Juni 2010 Selbstmord verübt.

Chronologie der Ereignisse

2. März 1998: Die zehn Jahre alte Natascha Kampusch verschwindet in der Früh auf dem Weg in die Volksschule in Wien-Floridsdorf. Ihre Eltern alarmieren am Abend die Polizei.

3. März 1998: Eine Schülerin erzählt der Polizei, dass sie beobachtet hat, dass Kampusch in einen weißen Bus mit Gänserndorfer Kennzeichen gezerrt worden ist.

6. April 1998: Wolfgang Priklopil wird in Strasshof von Ermittlern aufgesucht. Er besitzt einen weißen Lieferwagen.

14. April 1998: Ein Hundeführer der Wiener Polizei macht das Sicherheitsbüro erneut auf den Verdächtigen in Strasshof aufmerksam. Dem Hinweis wird nicht nachgegangen.

23. August 2006: In Strasshof (NÖ) kann sich Kampusch selbst befreien. Ihr Entführer, der 44-jährige Priklopil, wirft sich in Wien vor einen Zug und stirbt.

Februar 2008: Innenminister Günther Platter (V) setzt ein Evaluierungskommission in der Causa ein, welcher der ehemalige Verfassungsgerichtshof-Präsident Ludwig Adamovich vorsteht.

23. Oktober 2008: Der Fall Kampusch wird neu aufgerollt. Ermittler sollen sich noch einmal damit auseinandersetzten.

8. Jänner 2010: Der Akt wird wieder geschlossen: Polizei und Staatsanwaltschaft sind überzeugt, dass Priklopil keine Komplizen bzw. Mitwisser hatte. Ein Freund des Entführers, Ernst H., wird allerdings wegen Begünstigung angeklagt. Er soll unmittelbar nach Kampuschs Entkommen von der Entführung erfahren und Priklopil bei der Flucht geholfen haben.

2. November 2010: Neue Ermittlungen gegen fünf in den Fall Kampusch involvierte Staatsanwälte wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs in Innsbruck werden bekannt - darunter der Leiter der Wiener Oberststaatsanwaltschaft, Werner Pleischl, und der Leiter der Staatsanwaltschaft Graz und ehemaliger Sonderermittler in der Causa Kampusch, Thomas Mühlbacher. Basis ist eine Sachverhaltsmitteilung des früheren OGH-Präsidenten Johann Rzeszut an die fünf Klubobleute im Parlament. Rzeszut war Mitglied der Evaluierungskommission.

24. November 2011: Das Justizministerium gibt bekannt, dass das Amtsmissbrauchs-Verfahren gegen die fünf Staatsanwälte eingestellt wird.

28. Juni 2012: Ein Parlamentsausschuss empfiehlt, die Ermittlungen durch Cold-Case-Spezialisten neuerlich evaluieren zu lassen.

Juli 2012: Die neuerliche Evaluierung startet.

15. April 2013: Auch eine internationale Evaluierungskommission, die noch einmal den Fall durchleuchtet hat, findet bei ihrer Arbeit keinerlei Hinweise dafür, dass neben Wolfgang Priklopil andere Personen in die Causa involviert gewesen sind.