Bohnjour - Willkommen in der Welt der Bohne

Kaffee: Eine der letzten Röstereien Österreichs, der Familienbetrieb Naber, feiert den Hunderter.

Was haben das Wirtshaus zur Bums’n in Schärding, das alterwürdigeRestaurant
Figlmüller unweit des Stephansdoms und die Zistelalm am Salzburger Gaisberg gemeinsam? Wer dort Kaffee bestellt, kriegt einen Naber serviert.Und der stammt aus einem Familienbetrieb in Wien, der zu den rund 20 RöstereienÖsterreichs zählt,
die es noch gibt, und der obendrein sein 100-jähriges Firmenjubiläumbegeht.

20 Röstereien auf der einen, 8429 Kaffeehäuser auf der anderen Seite. Alleine 1035 Kaffeehäuser stehen in Wien. Hinzu kommen Espressi und Kaffeekonditoreien, sodass die Wirtschaftskammer Wien derzeit 2690 Kaffeehausbetriebe zählt. Diese Zahl sei trotz geändertem Freizeitverhalten stabil, sagt Günter Ferstl, Obmann der Wiener Kaffeehäuser. Denn: "Mehr als ein Drittel der Kaffeegenießer gehen zwei- bis dreimal pro Woche in ein Kaffeehaus, 19 Prozent sogar täglich."

Sackerl

Naber setzt auf dieses Klientel; Gastronomie und Hotellerie sind Vertriebspartner, wer einen Naber im Sackerl erstehen will, muss raus nach Strebersdorf fahren. Dort steht die Rösterei, in der 480 Tonnen Bohnen im Jahr verarbeitet werden. "Zu 100 Prozent Arabica-Bohnen", sagt Senior-Chef Ernst Naber, der mit seinem Sohn – auch ein Ernst – und Alexander Hamersky die Rösterei führt.

Werbung

Röstfrisch, wie uns die Werbung weismachen will, riecht der Kaffee übrigens – nach nichts. Erst 24 Stunden nach der Röstung entfalten die Bohnen ihr Aroma. Und erst dann wird der Kaffee abgepackt. Bei den Nabers legt man dazwischen eine Vrkostung ein: "Diese Mischung – Bohnen aus Brasilien, Honduras und Neu Guinea – schmeckt fruchtig. Feine Säure, volles Aroma." Klingt nach Sommelier, und als solcher versteht sich auch Ernst Naber, diesmal der Junior.

Kaffee ist seine Welt. Und damit fährt er nicht schlecht, zählt doch die Bohne nach Erdöl zumwichtigsten Handelsgut weltweit. 2007 wurden 124 Millionen Säcke zu je 60 Kilogramm gehandelt. Zwei Millionen davon gingen nach Österreich. Für 2008 prognostizieren die Experten der International Coffee Organziation 128 Millionen Säcke.

Nicht alle Säcke landen natürlich bei Naber. Marktführer sind Tchibo/Eduscho, Kraft Foods (Jacobs) und Meinl. Obwohl das Lager bei Naber auch ganz schön groß ist – sogar Säcke mit dem teuersten Kaffee aller Zeiten finden sich hier: Dem "Jamaica Blue Mountain". "Die Japaner sind ganz verrückt nach ihm", erzählt Ernst Naber Senior. "Und das hat den Preis in die Höhe klettern lassen. Auf rund 150 Euro kommt das Kilo."

Preis

So viel würden die meisten in Österreich nicht für ihr Lieblingsgetränk (nachWasser
und vor Bier) ausgeben: Laut einer Studie von marketmind lässt man sich den Kaffee außer Haus 2,50 Euro kosten. Nur die Kärntner und Steirer ziehen bei 2€ die Grenze. Vielleicht wird Kaffee für den Konsumenten günstiger: Die Rohkaffeepreise
sind – als eine Folge der Finanzmarktkrise – leicht gesunken.

Getrunken wird am liebsten Milchkaffee – Melange im Osten, Cappuccino im Westen. Und seit sich Latte Macchiato gut verkauft, rechnet der Kaffeesieder-Verband mit Umsatzsteigerungen. Am stärksten legen aber andere Kaffee-Produkte zu: Pads und Kapseln. Der Markt hat sich in den letzten zwei Jahren versiebenfacht.

Legende

Die Österreicher bleiben trotzdem ihrem Kaffeehaus treu. Und es kratzt sie wohl wenig, dass das Ur-Kaffeehaus nicht von Georg Franz Kolschitzky nach der Türkenbelagerung gegründet wurde (eine Erfindung, die Gottfried Uhlich 1783 in seiner Chronik in die Welt setzte), sondern 1685 durch den Armenier Johannes Diodato. Es stand in der Rotenturmstraße 14.

Erstellt am 05.12.2011