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Chronik Niederösterreich
03/11/2020

Aufschrei: Ärzte haben "Existenzangst"

Mit "Dienst nach Vorschrift" drohen Ärzte als Reaktion auf Kritik. Patientenanwalt Bachinger bedauert seine Wortwahl.

von Theresa Bittermann

Das Fass ist endgültig übergelaufen – das finden knapp 190 Hausärzte aus Niederösterreich. Sie alle richten sich gemeinsam mit einer Petition an die Ärztekammer Niederösterreich: „Vertreten Sie bitte endlich unsere Interessen und verhindern Sie die Abschaffung der Hausärzte, bevor es endgültig zu spät ist“, heißt es in dem Schreiben. Damit nicht genug – Worten müssten Taten folgen, sonst wird man nicht gehört, so die Erfahrung der Ärzte. Einige haben angekündigt ihre freiwilligen Bereitschaftsdienste am Wochenende und an Feiertagen einzustellen.

Hintergrund dazu ist ein Vorstoß der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK): Präsident Bernhard Wurzer stellte die Idee in den Raum, Spitalsambulanzen einzurichten und so unter anderem Versorgungslücken des niedergelassenen Bereichs zu füllen. „Eine solche Hausarztambulanz würde die Existenz vieler Hausärzte weiter gefährden, ohne die Situation für die Patienten zu verbessern“, kritisiert etwa Cornelia Tschanett, Hausärztin aus Ebreichsdorf (Bezirk Baden).

Das Fass zum Überlaufen gebracht habe nach dieser Idee ein Interview mit dem nö. Patientenanwalt Gerald Bachinger. Er sprach von einer „grottenschlechten Versorgung im niedergelassenen Bereich“ und einer „Blockade von Reformen“.

Das stößt den Hausärzten sauer auf. Tschanett und einige andere, die ab sofort nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machen wollen, sehen keinen anderen Ausweg mehr: „Diese Art, mit der der Patientenanwalt hier Aussagen tätigt, verunsichert Patienten. Und zusätzlich muss er sich auch bewusst darüber sein, dass er den Hausarzt jungen Ärzten gegenüber als Auslaufmodell darstellt“, so die Ärztin. Nachdem sie unter jahrelangen Einsparungen gelitten hätten sei das der einzige Weg, eine Diskussion anzustoßen. Dabei habe man aber den Weg gewählt, bei dem Patienten die geringste Einschränkung erfahren würden.

Bachinger verteidigte sich, er hätte nie einzelne Personen, sondern das System kritisiert. Nachdem die Empörungswelle angewachsen ist, lenkt er nun ein: „Wenn sich durch meine Aussagen jemand persönlich beleidigt fühlt, nehme ich meine Wortwahl mit Bedauern zurück“, sagt Bachinger.

Appell an Ärzte

Die Ärztekammer Niederösterreich hat einen Appell an die Ärzte gerichtet, ihre Dienste nicht einzustellen und damit die Patienten zu den Leidtragenden zu machen: „Gerade jetzt brauchen uns die Patientinnen und Patienten, die hier völlig unschuldig zum Handkuss kommen“, sagte Christoph Reisner, Präsident der nö. Ärztekammer. Auf die Frage, ob die nö. Kammer der Aufforderung der Ärzte, Honorarverhandlungen anzustoßen, nachkommen würde, hieß es nur, das werde sich zeigen.