Derzeit sind im Atomkraftwerk Temelin zwei Reaktorblöcke (Gebäude links im Bild) in Betrieb, eine rechtliche Hürde für den Bau zweier weiterer ist diese Woche gefallen.

© KURIER/Jürgen Zahrl

Atomkraft
10/25/2014

Angst vor Strahlung und Konflikten

Europas Pro-Atomkurs beunruhigt viele Menschen in Nieder- und Oberösterreich.

von Jürgen Zahrl, Gilbert Weisbier, Jürgen Pachner

Es ist eine Sauerei. Zuerst wird von der EU eine Energiewende eingeleitet. Und plötzlich ist doch wieder Atomkraft im Vormarsch. Wenn in Temelin etwas passiert, ist bei uns alles aus", sind Horst Adensam und seine Stammtischfreunde überzeugt. Die Genehmigung für den Ausbau des Atomkraftwerks Temelin ist im Gasthaus "Hopferl" in der Bezirksstadt Gmünd im nö. Waldviertel Gesprächsthema Nummer eins.

Hiobsbotschaften

Eine Hiobsbotschaft nach der anderen prasselt auf Österreichs Atomkraftgegner ein: Der Beschluss der EU, Staatsbeihilfen für den Ausbau des britischen AKW Hinkley Point zuzulassen, macht auch tschechischen Kraftwerksbetreibern Hoffnung auf millionenschwere Zuschüsse. Aktuelle Genehmigungen zur Vorbereitung eines Atommüll-Endlagers in Tschechien sowie für zwei weitere Reaktorblöcke im AKW Temelin beunruhigen viele Österreicher. "Das Land tut zu wenig dagegen", beschwert sich Rudolf Hofstätter, Bürgermeister von Waldkirchen in NÖ. Doch was tun? Die rechtlichen Möglichkeiten sind gering. "Österreichs Einsprüche in den Genehmigungsverfahren sind abgelehnt worden. Am Beispiel der Subventionen für das britische AKW sieht man, was die Atomlobby in Europa anrichtet", sagt Umweltlandesrat Stephan Pernkopf aus NÖ. Erst am Donnerstag beschloss der nö. Landtag einstimmig eine Resolution gegen den Temelin-Ausbau.

Keine Grenzblockaden

Österreich will das Übel an der Wurzel packen und die Atom-Subventionierung durch eine Nichtigkeitsklage bekämpfen. Umweltminister Andrä Rupprechter hofft dazu auch auf Proteste tschechischer Atomgegner.

Grenzblockaden haben in der Vergangenheit nur eines erreicht: eine schlechtere Gesprächsbasis mit Tschechien. "Das war vom Stil her nicht das Richtige", betont Alfred Hartl, Bürgermeister der Mühlviertler Grenzstadt Bad Leonfelden, OÖ. Im Jahr 2000 nahm er noch an Blockaden des Grenzübergangs Weigetschlag teil. "Die Nachbarn in Südböhmen haben das damals als Einmischung in nationale Angelegenheiten verstanden. Heute weiß ich, Dialog ist die bessere Lösung – wir müssen versuchen, Seite an Seite zu kämpfen." Auch betroffene tschechische Gemeinden wehren sich seit Jahren, haben aber wenig Chancen. "Anti-Atom-Aktivist zu sein, steht bei uns nicht hoch im Kurs. Vor zehn Jahren war die Situation besser. Es gibt zwar Kritiker in breiten Bevölkerungsschichten, aber der Widerstand konzentriert sich auf Informationsarbeit und Schulen", sagt Pavel Vlcek von der tschechischen Umweltschutzorganisation OZIP.

"Man muss verstehen, dass die Tschechen einen anderen Zugang zu dem Thema haben und noch abhängiger als wir von russischem Gas sind", sagt der Österreicher Alexander Stipsits, der in Tschechien lebt und sich für Ökologie und Verständigung einsetzt. Er appelliert, die Gesprächsbasis zwischen beiden Ländern zu verbessern, das Problem auf EU-Ebene anzugehen und schlägt Österreich vor, den Tschechen einen Pakt zum gemeinsamen Forcieren von Alternativenergie anzubieten.

Gabriele Schweiger von den Freistädter Müttern gegen Atomgefahr bringt die Stimmung auf den Punkt: "Die ist gedrückt – aber wichtiger als neue Grenzblockaden ist, dass unsere Regierung wirklich gegen Hinkley Point klagt. Werden Subventionen verhindert, löst das auch das Temelin-Problem."

Österreich fordert mehr Mitsprache bei Standortsuche

"Wir wollen kein grenznahes Atommüll-Endlager." Das Umweltministerium und die betroffenen Bundesländer sind sich einig. Unbeeindruckt davon lässt die tschechische Atommüll-Agentur „Surao“ trotzdem vier mögliche Lagerstätten nahe der Grenze zu Ober- und Niederösterreich prüfen. Dafür wurden bereits mehrere Genehmigungen für Oberflächen-Untersuchungen erteilt.

Insgesamt sieben Standorte sind in der engeren Auswahl. Davon liegen zwei Orte nur 30 bis 80 Kilometer nördlich von der Grenze zu Österreich entfernt. Bis 2025 will sich Surao auf einen Standort festlegen. Deren Pläne zeigen auch, dass mit der Endlagerung von atomaren Brennstäben ab dem Jahr 2060 begonnen werden soll. Schon alleine für die Oberflächen-Untersuchungen bekommen die möglichen Standortgemeinden in Tschechien 47.000 Euro überwiesen. „Es handelt sich nur um eine Motivationszahlung, nicht um eine Kompensation“, sagt Surao-Beauftrager Jiri Slovak im Interview mit Radio Prag.

Sollte die Entscheidung auf den Standort Cihadlo – zirka 30 Kilometer nördlich von Litschau im Waldviertel – fallen, „sind wir massiv betroffen“, sagt Peter Allen, Anti-Atom-Beauftrager des Landes NÖ. Derzeit werden rechtliche Möglichkeiten geprüft, um beim Auswahlverfahren mehr Mitspracherecht zu bekommen.

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