"An Tschadeks Händen klebt Blut"

Der ehemalige SPÖ-Minister fällte im Zweiten Weltkrieg Todesurteile. Trotzdem ist Tschadek heute noch vielerorts Ehrenbürger.

Im Stadtmuseum Bruck/Leitha ... ... befinden sich sämtliche Ehrenbürgerschaftsurkunden Otto Tschadeks

Otto Tschadek war sieben Jahre lang Justizminister der SPÖ und neun Jahre lang Landeshauptmann-Stellvertreter von Niederösterreich. Und Otto Tschadek war „Blutrichter“ im Zweiten Weltkrieg. Trotzdem ist er in zumindest 23 Gemeinden in Niederösterreich Ehrenbürger (siehe Bericht unten). Genau daran stößt sich jetzt der Wiener Politikwissenschaftler Thomas Geldmacher.

Im Zweiten Weltkrieg verurteilte Tschadek, der auch Träger zahlreicher Ehrenzeichen ist, als Richter am Kriegsmarinegericht Kiel vier Menschen zum Tode. Zwei Todesurteile wurden vollstreckt: Im Jahr 1942 wurde über einen Deserteur wegen Fahnenflucht die Todesstrafe verhängt. Zusätzlich bestrafte Tschadek den Mann mit fünf Jahren Zuchthaus, einer Geldstrafe von 400 Reichsmark und dem „Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit“. Knapp drei Wochen nach dem Urteilsspruch wurde der Deserteur erschossen. Eine weitere Todesstrafe verhängte Tschadek wegen Plünderung.

Wissenschaftliches Gremium

Das fand Politologe Geldmacher, der auch Mitglied im Personenkomitee „Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz“ ist und sich für das Deserteursdenkmal am Wiener Ballhausplatz einsetzt, vor knapp drei Jahren heraus. Dass der ehemalige Justizminister Tschadek trotzdem in zumindest 23 Gemeinden Ehrenbürger ist und auch Straßen nach ihm benannt sind, hält Geldmacher für „nicht opportun. Die Gemeinden würden gut daran tun, wenn sie hier aktiv werden würden“, meint der Politologe. „Die Causa Tschadek sollte so offen wie möglich diskutiert werden.“ Thomas Geldmacher ist Politikwissenschafter und be… Foto: Julia Schrenk „Er hat für die Nazis Todesurteile verhängt. Das sollte so offen wie möglich diskutiert werden.“ Thomas Geldmacher Politikwissenschaftler

Thomas Geldmacher fordert jetzt eine wissenschaftliche Aufarbeitung: „Ein Gremium oder eine Kommission sollte sich der Sache annehmen“, sagt Geldmacher. Und dann entscheiden, ob jene Gemeinden, in denen Tschadek Ehrenbürger ist, diese Ehrenbürgerschaften aberkennen sollen und ob Straßen umbenannt werden sollen oder etwa Zusatztafeln angebracht werden können.

„An Tschadeks Händen klebt Blut, das lässt sich nicht abstreiten“, sagt Geldmacher. „Die Reichsmarine war ein williges Instrument der Nazis. Tschadek hat für die Nationalsozialisten Todesurteile verhängt.“

Nur nach Auftrag

In Bruck an der Leitha, der Heimatstadt Tschadeks, wo er auch in einem städtischen Ehrengrab bestattet wurde, will man vorerst nichts in Richtung Umbenennung oder Aberkennung der Ehrenbürgerschaft unternehmen. „Es gibt keinen Anlass, hier jetzt als Gemeinde tätig zu werden“, sagt Bürgermeister Richard Hemmer (SPÖ). „Weder Bund noch Land haben je etwas unternommen, um Ehrungen abzuerkennen oder Straßen umzubenennen.“ Aber: „Wenn eine Historikerkommission eingesetzt wird, bin ich jederzeit bereit, diese in Bruck an der Leitha zu unterstützen“, sagt Hemmer.

Auch in St. Pölten, wo eine Straße nach Tschadek benannt ist, würde man „ein einberufenes Gremium unterstützen“. Die Stadt selbst könne aber nicht tätig werden, weil „Kapazitäten für eine selbstständige Forschung fehlen“. Doch genau das, nämlich von sich aus tätig werden, müssten die Gemeinden. Denn sowohl Straßenbenennungen, als auch Ehrenbürgerschaften sind Sache der Gemeinden. „Das Landesarchiv könnte Gutachten in Auftrag geben und biografische Details zu Otto Tschadek liefern“, sagt der Leiter des nö. Landesarchvis, Willibald Rosner. „Die Entscheidungen abnehmen können wir den Gemeinden aber freilich nicht. Denn das sind rein politische Entscheidungen.“

Lebenslauf

Otto Tschadek und die Zeit in Deutschland

Otto Tschadek wurde am 31. Oktober 1904 in Trautmannsdorf, NÖ, geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und trat als 19-Jähriger der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. Von 1941 bis 1945 war Tschadek Marinerichter in Kiel. Dort wurde er nach dem Krieg auch Oberbürgermeister. Laut dem Politologen Thomas Geldmacher deshalb, weil es Tschadek gelang, „seine militärjuristische Tätigkeit“ dort zum „De-facto-Widerstand gegen das NS-Regime umzudrehen“.

Zurück in Österreich wurde Tschadek 1946 SPÖ-Nationalratsabgeordneter. Von 1949 bis 1952 und 1956 bis 1960 war er Justizminister, danach Landeshauptmann-Stellvertreter in NÖ. Am 4. Februar 1969 starb Otto Tschadek in Wien. Noch immer ist er Ehrenbürger in: Bruck/Leitha, Seebarn, Rauchenwarth, Sigmundsherberg, Ziersdorf, Rosenburg, Pyhra, Hadersdorf/Kamp, Gmünd, Hinterbrühl, Loimersdorf, Theresienfeld, Eggenburg, Absdorf, Grimmenstein, Raabs/Thaya, Traismauer, Kaltenleutgeben, Brand-Nagelberg, Schwarzenau, Gutenbrunn, Zell/Ybbs und Marchegg. Straßen sind nach ihm benannt: Etwa in Bruck/Leitha, Kottingbrunn, St. Pölten.

(kurier) Erstellt am
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