Arme werden häufig stigmatisiert

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Zu wenige Jobs
11/21/2016

Mehr Menschen in Österreich von Armut bedroht

400.000 Österreicher sind manifest arm. Betroffene haben zudem mit Vorurteilen zu kämpfen.

von Johanna Kreid

Immer mehr sind betroffen – doch kaum einer will offen darüber sprechen: Armut ist nach wie vor ein Tabu-Thema. In Österreich gelten 400.000 Menschen als manifest arm (siehe Interview unten). Laut aktueller Studie der Bertelsmann-Stiftung, die vergangene Woche präsentiert wurde, sind in der EU gar 118 Millionen Menschen von Armut bedroht. Das ist immerhin jeder vierte EU-Bürger. Ebenso steigt der Anteil jener, die trotz eines Vollzeitjobs kaum über die Runden kommen.

Dass Armut ein Tabu-Thema ist, weiß auch Alexander Schiel, Gründer der Wiener Sozialmärkte. Viele Kunden müssen eine Hemmschwelle überwinden, bevor sie bei ihm einkaufen. "Außerdem glaubt niemand, dass er einmal in den Sozialmarkt gehen muss. Viele hatten früher ein gutes Einkommen." Ein Krankenstand oder ein Schicksalsschlag können vieles verändern: Der Job geht verloren, es kommt zum Abstieg.

Leben am Dachboden

Das hat etwa Herr S. erlebt: Probleme in der Familie überforderten ihn, er erkrankte an Depressionen, verlor Job und Wohnung. Vier Jahre lebte er auf einem Dachboden eines leer stehenden Hauses. "Das war Wahnsinn. Draußen minus zehn Grad, drinnen minus sieben. Da liegst angezogen unter vier Decken und frierst", erzählt er. Dennoch wusste er in seinem Inneren: "Ich komme da wieder raus. Deshalb habe ich mich vom Alkohol ferngehalten." Heute lebt der 59-Jährige mit seinem Hund Cato in einem Quartier der Obdachlosenhilfe "Neunerhaus" in Wien.

Dort wohnt auch die 53-jährige Ingrid. Sie wurde Opfer eines brutalen Überfalls. Danach litt sie unter Angstzuständen, traute sich kaum noch, die Wohnung zu verlassen. Sie verlor den Job und wurde delogiert. "Ich habe mich so geschämt für meine Situation, dass ich alle sozialen Kontakte abgebrochen habe", erzählt sie.

Auch Alleinerzieherinnen sind gefährdet, in die Armut abzurutschen: Erni flüchtete aus einer Gewaltbeziehung mit ihrer Tochter in ein Frauenhaus. Seit Jahren sucht sie einen Job. "Ich hab’ sicher 500 Bewerbungen geschrieben. Aber ich bin 48 und Alleinerzieherin. Wer stellt so jemanden ein?"

Auch die 28-jährige Conny lebt von der Mindestsicherung. "Weihnachten ist schlimm, weil ich meinen zwei Kindern nicht so viel schenken kann, wie ich gerne würde." Aber sie finde keine Stelle: "Sobald sie hören, dass ich Mutter bin, ist es aus."

Auch immer mehr Hochqualifizierte sind immer länger auf Jobsuche: Der Akademiker Mathias S. hatte einen guten Job in der Verlagsbranche. Er erhielt über das "AkademikerInnenzentrum" des AMS eine Ausbildung, die in zweifacher Hinsicht wertvoll war: "Fachlich, aber auch psychologisch. Weil ich viele Hochqualifizierte traf, die in der gleichen Situation waren wie ich." Noch komme er finanziell über die Runden. "Aber wenn es noch länger dauert, wird es eng", sagt er.

Verschiedene Schicksale, die doch etwas eint: Ein Abstieg passiere oft schnell und unerwartet, sagen sie. Und alle betonen: "Es stimmt nicht, das wir nicht arbeiten wollen." Wichtig sei, nicht aufzugeben, weiß Herr S. "Es gibt diesen Spruch", sagt er, und rezitiert: "Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her." Er lacht und fügt hinzu: "Viele Leut’ glauben, das ist ein Blödsinn. Aber das ist es nicht." Und auch Sozialmarkt-Leiter Schiel hört immer wieder Erfolgsgeschichten. Etwa, wenn einer seiner Kunden einen Job findet und die Mitgliedskarte zurückgibt: "Wir sind wohl das einzige Geschäft, das froh ist, wenn es Kunden verliert."

Die Angst vor dem eigenen Abstieg wird größer

Martin Schenk ist stellvertretender Direktor der Diakonie und Mitbegründer der Armutskonferenz. Der KURIER sprach mit ihm über Armut in Österreich.

KURIER: Wer gilt in Österreich als arm?

Martin Schenk: 400.000 Menschen gelten als "manifest arm". Sie haben weniger als 1000 Euro im Monat und leben in bedrückenden Lebensbedingungen; sie haben etwa eine schimmelige Wohnung. Erstaunlich ist übrigens, dass diese Zahl der 400.000 seit etwa zehn Jahren annähernd konstant bleibt.

Das überrascht, hat man doch den Eindruck, dass es mehr Armut gibt. Wie kann das sein?

Nicht die Anzahl wurde größer, sondern die Dynamik. Diese 400.000 Menschen sind nicht immer dieselben: Einige kommen aus dieser Gruppe heraus, andere hinein. Mittlerweile machen immer mehr für einige Zeit eine Armutserfahrung.

Somit ist es wahrscheinlicher, dass man Betroffene kennt?

Genau, früher dachten viele bei Armut an Klischees wie Gefängnis oder Sucht – heute können Freunde oder Verwandte betroffen sein. Dadurch wird die Angst vor dem eigenen Abstieg größer. Es könnte einem selbst passieren. Ebenso sieht man mehr Bettler und mehr Obdachlose auf den Straßen.

Was sind die Gründe für diese Entwicklungen?

Der Arbeitsmarkt hat sich verändert: Junge finden häufig nur Praktika und befristete Projekte. Außerdem gibt es immer mehr prekär Beschäftigte und Scheinselbstständige. Zudem ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch.

Was sind weitere Gründe, abgesehen vom Arbeitsmarkt?

Depressionen steigen leider massiv an, gerade Menschen zwischen 40 und 50 können oft nicht mehr. Dann gibt es familiäre Gründe wie Scheidungen: Alleinerzieher sind besonders armutsgefährdet. Und die Löhne steigen langsamer als die Mieten.

Hat sich die Wahrnehmung von Armut verändert?

Eigentlich dachte ich, dass Betroffene mittlerweile weniger stigmatisiert werden. Seit der Debatte um die Mindestsicherung muss ich das aber leider revidieren.