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Chronik Geschichten mit Geschichte
05/30/2021

Vor dem Treffen Biden-Putin: Österreich im "Gipfelfieber"

Vor 60 Jahren kam es zum Gipfel von US-Präsident John F. Kennedy und Kreml-Chef Nikita Chruschtschow in Wien.

von Georg Markus

Während Jackie Kennedy eine Vorstellung der Spanischen Hofreitschule besuchte, wurde Nina Chruschtschowa am Cobenzl Kaffee und Kuchen serviert. Das waren die Themen, auf die sich die aus aller Welt nach Wien eingeflogenen Journalisten stürzten. Dabei wollten sie eigentlich über das Gipfeltreffen der mächtigsten Männer der Welt berichten. Doch das Damenprogramm wurde so ausführlich behandelt, weil über den Inhalt der politischen Gespräche so gut wie nichts nach außen drang. Dabei stand an den beiden Tagen in Wien im Jahr 1961 nicht mehr und nicht weniger als der Weltfrieden auf dem Spiel. Wenn Joe Biden und Wladimir Putin am 16. Juni in Genf zusammentreffen, werden Erinnerungen an den Wiener Gipfel John F. Kennedys mit Nikita Chruschtschow wach.

Ein Stück Weltpolitik

Sicher wurde am 3. und 4. Juni 1961 in Wien Weltpolitik geschrieben. US-Präsident Kennedy und Kreml-Boss Chruschtschow waren gekommen, um das erste und einzige Mal in ihrem Leben miteinander zu verhandeln. Gründe dafür gab es viele, der wichtigste: Die Gefahr eines Dritten Weltkriegs lag in der Luft.

Der erste Zwischenfall war nicht weiter weltbewegend: Bei der Ankunft der Kennedys in Schwechat war einer der 40 Koffer von Jackie verloren gegangen. Dass dann die Straßen auf dem Weg in die Stadt von Zehntausenden Wienern gesäumt und überhaupt ganz Österreich im „Gipfelfieber“ war, ist verständlich, hatte das Land doch erst sechs Jahre davor seine Unabhängigkeit und Neutralität erhalten.

Die erste Begegnung

Unterschiedlicher hätten die beiden Staatsmänner nicht sein können: Da der gut aussehende junge US-Präsident neuen Stils mit First Lady Jackie an seiner Seite, die eher einem Hollywoodstar als der Frau eines Politikers glich, dort der bullige Kreml-Führer, der unbeirrt an die Segnungen der kommunistischen Idee glaubte.

Die erste Begegnung fand am Samstag, dem 3. Juni um 12.45 Uhr in der Residenz des amerikanischen Botschafters in Wien-Hietzing statt. Doch so freundlich Chruschtschow und Kennedy in die Kameras lächelten, so unnachgiebig agierten sie: Themen des Gipfels waren, wie wir heute wissen, Abrüstung und ein Atomsperrvertrag, die Kuba-Krise, vor allem aber die brisante Lage in Berlin, aus dessen Ostsektor immer mehr Menschen in den Westen flüchteten. Der Sowjet-Politiker war nicht bereit, das länger „hinzunehmen“ und warnte vor einem Weltkrieg, falls West- und Ost-Berlin nicht zu einer gemeinsamen sozialistischen Stadt zusammenwachsen würden. Aber Kennedy bestand darauf, West-Berlin als freie Stadt bestehen zu lassen.

Wie mühsam die Verhandlungen für John F. Kennedy waren, erfuhr man erst später: Der strahlende US-Präsident litt in Wien unter kaum erträglichen Rückenschmerzen und stand unter dem Einfluss schwerer Medikamente, die er einnahm, um seinem Gesprächspartner nur ja nicht auf Krücken entgegen kommen zu müssen.

1500 Journalisten

Bundespräsident Adolf Schärf, Kanzler Alfons Gorbach und Außenminister Bruno Kreisky taten alles, um Österreich von seiner besten Seite zu zeigen. Immerhin waren 1.500 internationale Journalisten angereist, von denen einige in der Fasangartenkaserne nächtigen mussten, weil die Wiener Hotelzimmer restlos überbucht waren.

Gesellschaftlicher Höhepunkt der beiden Tage, an denen die Welt nach Wien blickte, war der Empfang im Schloss Schönbrunn. Doch das Galadiner bot laut offiziellem Protokoll der Präsidentschaftskanzlei „das schlechteste Essen, das je bei einem Empfang serviert wurde“. Die Speisen (Frühlingssuppe, Beefsteak, gefüllte Paprika) „waren kalt und das Fett stockte.“ (Quelle: „Der Wiener Gipfel 1961 Kennedy-Chruschtschow“, Studienverlag).

Abgesehen von den Menü-Problemen war jede, auch noch so kleine Kleinigkeit des Gipfels interessant, natürlich auch das Outfit der First Ladys. Während Jackies stahlblaues Kostüm lobende Erwähnung fand, wurde Nina Chruschtschowas Garderobe als „für unseren Geschmack nur sehr wenig ansprechend“ klassifiziert. Martha Kyrle, die für das Damenprogramm zuständige Tochter von Bundespräsident Schärf, erinnerte sich, wie unterschiedlich die Welten waren, aus denen die Damen kamen: „Wir klärten gleich, in welcher Sprache wir uns unterhalten. Mrs. Kennedy sagte, dass sie Englisch, Französisch, Spanisch und etwas Deutsch konnte. Und Frau Chruschtschow beherrschte angeblich 19 Sprachen, aber wir konnten uns trotzdem nur über Dolmetscher unterhalten, da es sich ausschließlich um russisch-slawische Dialekte handelte.“

Ohne Annäherung

Noch schwerer hatten es ihre Männer, eine „gemeinsame Sprache“ zu finden. Und so endeten die beiden Tage in Wien ohne inhaltliche Annäherung, da jeder auf seinen Positionen beharrte. Tatsächlich wurde der kalte Krieg immer kälter: Nur wenige Wochen nach dem Wien-Gipfel begann die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer und die Sowjets starteten neue Nukleartests. Ein Jahr später war der Weltfrieden einmal mehr akut gefährdet, als die Amerikaner in Kuba Abschussrampen russischer Atomraketen entdeckten.

Endlich wieder wer sein

Kennedy und Chruschtschow sollten einander nie wieder sehen. Der amerikanische Präsident wurde am 22. November 1963, zweieinhalb Jahre nach dem Wiener Gipfel, ermordet und Chruschtschow kurze Zeit später aus allen Ämtern entfernt.

Was bleibt, ist ein Stück Weltgeschichte auf Wiener Boden, die den Österreichern das Gefühl gab, „endlich wieder wer zu sein“.

Durchaus möglich aber, dass der Gipfel weit mehr war, als wir ahnen. Denn man wird nie erfahren, was passiert wäre, wenn Kennedy und Chruschtschow einander nicht getroffen hätten.

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