Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Tod der Qualtinger-Witwe: Die letzte Zeugin des Kabarett-Giganten

Mit der Schauspielerin Vera Borek starb die letzte Zeitzeugin aus dem engsten Umfeld des Kabarettgiganten. Lesen Sie hier Erinnerungen an Begegnungen mit dem ungleichen Paar.
Schwarzweißaufnahme von zwei Personen in Winterkleidung, vorne ein bärtiger Mann mit Mütze, dahinter eine Frau mit kurzem Haar.

Als sie ihren 70. Geburtstag feierte, traf ich Vera Borek zum Interview. „Aber diesmal geht es NICHT um den Helmut“, warnte sie mich schon im Vorhinein. Ihr Mann war damals seit einem Vierteljahrhundert tot, jedoch immer noch eine Legende. Wenigstens an ihrem Geburtstag wollte sie endlich einmal über sich reden. Und nicht über ihn.

„Na, rufen S’ mich halt an“

Was soll ich Ihnen sagen: In dem dreistündigen Gespräch im Herbst 2010 ging’s fast nur um ihn. Er war eben eine Jahrhunderterscheinung und der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Vorige Woche starb mit Vera Borek (85) die letzte Zeugin aus dem engsten Umfeld Helmut Qualtingers.

Also sprach sie NICHT über Qualtinger: „Er war 41, ich war 29, als wir uns in der Kantine des Hamburger Thalia Theaters kennenlernten. Ich kannte natürlich alle seine Liedtexte auswendig und hatte seit Tagen bemerkt, dass er mich beobachtete. Wir kamen ins Gespräch, und beim Abschied sagte er: ,Na, rufen S’ mich halt einmal an.‘“

Ein Mann mit Hut steht vor einem Regal mit Konservendosen in einer Schwarzweißaufnahme des ORF.

Auf so eine Frechheit reagierte sie nicht, „das hätte mir meine Erziehung verboten“, aber glücklicherweise rief doch er dann an. Damit war die Katastrophe perfekt. Denn Qualtinger war verheiratet – mit der Wiener Schriftstellerin (und KURIER-Kolumnistin) Leomare Qualtinger.

A Krügerl, a Glaserl

In dieser, seiner ersten Ehe hatte sein Aufstieg zum Kabarettstar und Publikumsliebling begonnen. Damals, in den 1950er-Jahren im Ensemble um Louise Martini, Georg Kreisler, Peter Wehle und mit Chansons, die ihm Gerhard Bronner auf den Leib schrieb: Der Papa wird’s schon richten, Der g’schupfte Ferdl, Bundesbahnblues, A Krügerl, a Glaserl ...

Letzteres Lied wollte Qualtinger ursprünglich nicht singen, da er sich nicht über sein eigenes Alkoholproblem lustig machen wollte. Ein Problem, das beide Ehen belastete: „Er war krank“, sagte Vera Borek damals, als sie NICHT über ihn reden wollte. „Aber er hat tapfer dagegen angekämpft, wir waren bei Ärzten, in Sanatorien und Spitälern.“

Was Vera Borek nach 17 Jahren an seiner Seite ärgerte, war die Tatsache, „dass er von manchen seiner Weggefährten immer nur auf sein Alkoholproblem reduziert wurde. Er hatte Phasen, in denen es ihm besser ging – und andere Phasen leider auch.“

Anfang der 1960er-Jahre sagte sich Helmut „Quasi“ Qualtinger vom Kabarett los – mit der Begründung: „Die österreichische Wirklichkeit ist eine Parodie. Und eine Parodie kann man nicht parodieren.“ Und er schuf (gemeinsam mit Carl Merz) seinen Geniestreich, „Der Herr Karl“, die Realsatire eines Opportunisten. Daneben schrieb er Bücher, führte Regie, drehte Filme, spielte Theater und narrte ganz Wien mit seinen legendären „Practical Jokes“: etwa, wenn er Unterrichtsminister Hurdes anrief und von ihm verlangte, den Buchstaben „U“ zu verbieten, weil er „unsittlich, unseriös und unschön“ sei. Oder wenn er Journalisten zum Westbahnhof bestellte, dort selbst in Pelzmantel und Pelzmütze aus einem Zug stieg, um als „berühmter Eskimodichter Kobuk“ Interviews zu geben.

Ältere Frau in schwarzem Outfit mit Hut sitzt ernst auf einem Stuhl und hält einen Gehstock.

Vera Borek bei einer Aufführung im Jahr 2008.

Ein gefährlicher „Joke“

Auch ich wurde einmal Zeuge eines solchen „Jokes“, der freilich schlimm hätte ausgehen können: Qualtinger kam zu einer Buchpräsentation, nahm plötzlich einen schweren silbernen Kerzenleuchter in die Hand und warf ihn durch das offene Fenster der im ersten Stock gelegenen Verlagsräume. Nicht auszudenken, was passieren hätte können, wenn gerade jemand an dem Haus vorbeigegangen wäre.

Mit Vera Borek hatte ich noch einmal im Jahr 2018 zu tun. Eine Bekannte hatte mir rund 50 Briefe der (mittlerweile verstorbenen) ersten Frau Qualtinger zugespielt, in denen Leomare ausführlich den Alltag mit Helmut und seine ebenso geniale wie komplizierte Persönlichkeit schilderte.

Naheliegend, dass Vera Borek als Ehestörerin in der tagebuchartigen Korrespondenz der Jahre 1964 bis 1973 nicht rasend gut wegkam. „Ich möchte nicht in meiner Haut stecken“, schrieb die verlassene Leomare Qualtinger am Ende, „aber in der von der Vera, die sich das alles einfacher vorgestellt hat, möchte ich noch weniger stecken.“

Ich wollte die Aufzeichnungen nicht ohne Vera Boreks Zustimmung veröffentlichen und zeigte ihr in ihrer Wohnung am Rudolfsplatz die Briefe. Sie las sie, bedankte sich, dass ich sie gefragt hatte, lehnte die Veröffentlichung aber ab.

Drei Jahre später rief sie mich an und meinte, die Korrespondenz sei ja doch ein Stück Zeitgeschichte, sie sei jetzt einverstanden.

In Leomares Briefen geht es um die fast unerträgliche Anspannung vor Premieren, um Tourneen, Depressionen und andere teils berufliche, teils private Angelegenheiten und schließlich um den Verlust des Ehemannes.

Den Beruf verfehlt

Gerhard Bronner wiederum bedauerte in Interviews mehrfach den Verlust des Kabarettisten: „Als Kabarettist war Qualtinger einzigartig, als Schauspieler war er einer von vielen. Mit dem Wechsel vom Kabarett zum Theater hat er seinen Beruf verfehlt.“ Die Trennung Qualtinger-Bronner war im Streit erfolgt, das einstige Erfolgsduo sprach danach kein Wort mehr miteinander.

„Quasis“ erste Frau Leomare starb 1984, Qualtinger selbst 1986, Bronner 2007, Qualtingers Sohn Christian 2024.

Und jetzt Vera Borek. Somit gibt es wirklich niemanden mehr, der NICHT über Helmut Qualtinger Auskunft geben kann.

Kommentare