Helmut Qualtinger in "Der Himbeerpflücker".

© ORF

30. Todestag
09/29/2016

Helmut Qualtinger: Österreichs "grantige Instanz"

Qualtinger starb am 29. September 1986 an den Folgen eines Leberleidens.

Grantler, Wütender, Genussmensch - mit anderen Worten Paradeösterreicher: Helmut Qualtingers Todestag jährt sich am heutigen Donnerstag zum 30. Mal. Mit dem Mitläufer "Der Herr Karl" brannte sich Qualtinger in die Gemüter der Nation ein und sorgte für einen Sturm der Entrüstung im vergangenheitsverdrängenden Volk. So verschmolz nach Qualtingers Tod am 29. September 1986 an den Folgen eines Leberleidens die Erinnerung an den Schauspieler mit seiner Figur, mit der Qualtinger auch am Broadway auftrat.

"Herr Karl"

Dabei begegnete dem "Herrn Karl" aufgebrachte Empörung, nachdem dieser 1961 erstmals seine Ansichten aus dem Wiener Wendehals erklingen ließ. Dass die Ablehnung allzu schnell in Begeisterung umschlug - fünf Jahre später war die Platte bereits ein Verkaufshit -, veranlasste Peter Turrini zum Hinweis auf eine "österreichische Liebe", die "Zuwendung vorgibt und Erstickung will". Die ganze Nation habe Qualtinger "ungefragt die kumpelhafte Bezeichnung 'Quasi' verliehen, weil 'sie nicht hören wollte, was er sagte, sondern nur, wie er es sagte'".

Bronner, Merz und Kehlmann

Und das sagte "die grantige Instanz" Österreichs höchst feinsinnig: Anfang der 1950er Jahre schloss sich Qualtinger der kabarettistischen Gruppe Bronner, Merz und Kehlmann ("Reigen 1951") an und begründete seinen Ruhm. Zusammen mit Carl Merz verfasste er über 100 Kabarettnummern. "Brettl vor dem Kopf" hieß eines der erfolgreichsten Programme der Anfangszeit, "Dachl überm Kopf" spielte man, als die Gruppe ein eigenes Haus in Opernnähe eröffnete. Alle Programme, die österreichische Archetypen wie den "Travnicek" satirisch beleuchteten, brachten den Kabarettisten einen überwältigenden Erfolg und sind später teilweise als Bücher, auf Schallplatten oder als Zeitungskolumnen erschienen.

Geschichten aus dem Wiener Wald

TV-Meilensteine wie die "Geschichten aus dem Wiener Wald" (1961), Kabaretthits wie der "g'schupfte Ferdl" oder der "Wilde mit seiner Maschin" oder Rollen in Blockbustern wie "Der Name der Rose" (1986) zeigten die enorme Wandlungsfähigkeit des Schauspielers Qualtinger. Erfolge feierte er auch in "Die letzten Tage der Menschheit", als Titus Feuerfuchs in Nestroys "Talisman" am Wiener Volkstheater oder in der Dürrenmatt-Bearbeitung von Shakespeares "König Johann". Das Schauspielhaus in der Porzellangasse wurde zu Qualtingers künstlerischer Heimat. Hier überzeugte er 1980 bei den Wiener Festwochen mit der Regie der "Unüberwindlichen" von Karl Kraus.

Schließlich war Qualtinger eben auch durch und durch Wiener. Geboren wurde er am 8. Oktober 1928 als Sohn eines Gymnasialprofessors in der Bundeshauptstadt. Er begann nach der Matura ein Medizinstudium, gab es aber bald wieder auf. Als Journalist und Lektor trampte er durch Europa, arbeitete zeitweise als Lokalreporter und Filmkritiker und begann Kabaretttexte und Theaterstücke zu schreiben. 1946 gründete er das Studio der Hochschulen in Wien, eine Studentenbühne, die er praktisch im Alleingang betrieb.

Kein leichter Umgang

Dass Qualtinger im täglichen Umgang auch nicht der Leichteste war, ließ er Medien, Figuren der Öffentlichkeit und Freunde mit seinen "practical jokes" spüren. So schlug er dem Unterrichtsminister Felix Hurdes vor, den Buchstaben "U" aus dem Deutschen zu entfernen, da dieser "unsittlich, unseriös und unschön" sei. Außenminister Leopold Figl lockte er mit russischem Akzent als sowjetischer Besatzungsoffizier in den Stadtpark, einige Kulturjournalisten kamen zum Westbahnhof, um dort den "Eskimodichter und Nobelpreisträger Nobuk" zu interviewen - und fanden dort Qualtinger vor.

KURIER: Wie ist es, einen Film über einen verstorbenen Freund zu drehen?
André Heller: Ich habe mich den ganzen Sommer über mit dieser Dokumentation beschäftigt. Gleichzeitig war das eine sehr belastende Zeit durch die "Magnifico"-Tragödie, bei der ich mich vom Produzenten der Show um die Früchte einer besonders gelungenen Arbeit betrogen fühlte. Vormittags habe ich den Medien die traurigen Tatsachen erklärt und mich immer wieder mit meiner Gekränktheit herumgeschlagen und nachmittags und abends bin ich quasi in den Schneideraum emigriert zu Qualtinger und seiner umfassenden Qualität. Ich hab mich auch daran erinnert, dass er mir einmal sagte: "Wenn man entspannt das viele Gute nimmt, sollte man das gelegentliche Schlechte auch entspannt nehmen." Das hat mir bald die Raunzerei ausgetrieben.

Qualtinger wurde ja nur 59 Jahre alt.
Ich bin jetzt 64 und erkenne immer wieder erstaunt, wer aller in meinem Alter schon tot war. Von Josef Roth über Hemingway bis eben zu Qualtinger und vielen meiner kostbarsten Freunde.

Alles Trinker.
Leider ja und durchwegs empfindsame Wesen und dämonenintensive Untergeher wie der Oskar Werner oder der Friedrich Heer.

Sie gehen im Film behutsam mit dem Thema Alkoholismus um. Qualtingers Sohn sagt: Je älter er wird, desto mehr könne er verstehen, warum man trinkt.
Christian Qualtinger ist wahrlich aus einer Rippe vom Helmut geschaffen, blitzgescheit, hoch originell und unangepasst.

Kennen heutige Generationen Qualtinger noch?
Der letzte Anstoß zu dem Film kam von meinem Sohn, der fragte: "Was hat dieser Qualtinger eigentlich geleistet außer dem ,Herrn Karl'?" Immerhin wurde die DVD im Unterricht der amerikanischen Schule in Wien vorgeführt. Ich wünschte, derlei wäre auch in jeder österreichischen Schule selbstverständlich! Meine Antwort war: Qualtinger war unter vielem anderen der Chefpsychohygieniker von Österreichs ungewaschener Seele in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Mein Film versucht, diese Biografie mit ihren lichten Höhen und bitteren Verwerfungen sorgfältig zu erzählen.

Wie war Qualtinger privat, wenn der Chefpsychohygieniker Pause hatte?
Er war auch dann ein Meister der Zwischentöne, ein sprachmächtiger, mitfühlender Ermutiger. Er bemühte sich, der Verlogenheit, dem Opportunismus, der Menschenverachtung eine Genauigkeit und unzynische Engagiertheit entgegenzustellen. Aber er war auch der amüsanteste und aberwitzigste Zeitgenosse.

Ihr Film zeigt einen Menschen, nicht nur einen Alkoholiker.
Erika Pluhar sagt im Film richtig: Sein Trinken hatte ja einen Grund. Wahrscheinlich die Kluft zwischen dieser innerlich schlanken, gedankeneleganten, liebevollen, herzensgebildeten Figur und den Missverständnissen und Klischees, die sich um die äußere Person rankten.

Was ist von ihm geblieben?
Sein vielfältiges, hoch originelles Werk und die Anregungen und Qualitätsmaßstäbe, die er anderen Kreativen von Thomas Bernhard über Turrini und Jelinek bis Josef Hader und vielen, vielen anderen gab. Er hat hochwirksam als Erster den selbstbetrügerisch Verdrängungssüchtigen in allen Lagern der Zweiten Republik den Spiegel vorgehalten und erntete einen Wut- und Empörungstsunami, der sich derart massiv erst wieder zwanzig Jahre später wegen Waldheim einstellte.

Was bleibt Ihnen persönlich von Helmut Qualtinger?
Dankbarkeit. Er hat mir, als ich blutjung war, gesagt: "Dich darf es auf deine merkwürdige Art geben! Probier dich aus! Du darfst dich irren!" Diese Wahrheiten sollte man an den Schulen lehren. Sie sind kluge Lebenshilfen. Stellen Sie sich vor, wenn etwa ein Bundeskanzler unverkrampft sagen würde: "Ich habe mich geirrt und habe dazugelernt und bin heute klüger als vor einem halben Jahr." Derlei mutige Einbekenntnisse sind doch seltener als Marienerscheinungen.

(Guido Tartarotti)

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